Er gab mit leisem, zischendem Pfeifen ein Zeichen nach der Barke hin, das nach einigen Augenblicken beantwortet wurde. Der Capitän der Barke war einer seiner Jugendfreunde, der seinen Besuch zu jeder Stunde des Tages und der Nacht erwarten konnte und mit dem er für einen solchen Fall ein besonderes Zeichen verabredet hatte. Clelia sah in ängstlicher Erwartung nach dem Lichte, das am Bord des Fahrzeuges schimmerte. Sie standen hart am Canale, in dessen Mitte die Barke lag. Jetzt wurde von dieser herüber ein Brett auf das Ufer geschoben und durch den Nebel bewegte sich rasch eine Mannsgestalt heran, mit einer Leuchte in der Hand zur Erhellung des schmalen Steges, den die Nachtwanderer zu betreten hatten.

»Ich werde Euch für meine Schwester ausgeben!« flüsterte Cornelius dem Mädchen zu. »Die Muhme Jacobea kann für unsere beiderseitige Verwandte gelten, zu der wir reisen, um ihrer dringenden Einladung zu genügen. In der Frau des Capitäns, meines wackern Freundes Jansen von Harlem, werdet Ihr ein gutmüthiges, heiteres Wesen kennen lernen, das Euch sicherlich gefällt.«

Clelia konnte nichts antworten. Sie war zu sehr in den Schmerz vertieft, den die grausame Täuschung, in der sie sich befand, mit sich führen mußte. Sie starrte den Geliebten an, ohne ihn zu sehen, sie machte eine bejahende Bewegung, ohne es zu wissen. Der Mann von der Barke war indessen näher getreten und erwartete Cornelius Befehle. Mit seiner Hülfe brachte der unbesonnene Jüngling, der jetzt bei der zunehmenden Schwäche, die sich in Clelia’s ganzem Wesen an den Tag legte, von der größten Besorgniß ergriffen wurde, die fast Besinnungslose an Bord. Sie hatten kaum die abgesonderte Cajüte erreicht, in der Capitän Jansens Frau den unerwarteten Besuch mit einiger Befremdung empfing, als Clelia, von Allem, was ihr am Abende und in der Nacht begegnet war, im tief Innersten bedrängt und gedrückt, auf ein Ruhebett niedersank und von einer schweren Ohnmacht ergriffen, alles Bewußtseyn verlor.


4.

Es war sieben Uhr Morgens. Von allen Kirchthürmen der reichen Havenstadt Rotterdam vereinigten sich die Glockenspiele zu einem musikalischen Durcheinander, das in der That nur für die Ohren der damit vertrauten Einwohner nicht beleidigend seyn konnte. Der Nebel, welcher während der Nacht auf Stadt und Haven gelegen hatte, war verschwunden und die Morgensonne spiegelte sich freundlich im Fluße, in den Canälen und an den glänzenden Fensterscheiben der Häuser. Die Reinlichkeit, die allenthalben herrschte, an den Außenseiten der Gebäude, in den Straßen und an den Fahrzeugen, welche in den Canälen lagen, machte das freundliche Bild noch freundlicher und das jetzt sich entspinnende rege Leben auf den Schiffen, Barken und Booten, auf den Plätzen und Straßen, gab ihm erst seine Bedeutung, indem es die Handelswichtigkeit des Ortes, den Reichthum und die Thätigkeit seiner Einwohner an das Licht stellte. Hier wurden Schiffe, die am vorigen Abende noch spät eingelaufen waren, ausgeladen, die Matrosen lachten, lärmten und schimpften, während sie die Fässer und Ballen in die geöffneten Gewölbe schleppten, in deren Eingang mit hochwichtiger Miene der Handelsherr stand, der den Gegenstand so vieler Sorgen, die Ursache so mancher schlaflosen Nächte nun endlich glücklich in seinem Besitze sah. Dort wurden andere Schiffe zum Auslaufen gerüstet. Die lebendigste Thätigkeit zeigte sich auf den Verdecken. Ein günstiger Wind erhob sich, das »Halli, halloh!« der Bootsleute ertönte, in einem Augenblicke waren die Taue mit kletternden Jungen und Matrosen angefüllt, die Segel wurden aufgehißt, sie schwollen an und das Schiff zog stolz, wie ein Besieger der Wogen, über die Wasserfläche hin, seiner unbekannten Bestimmung entgegen. An einem andern Orte lagen zierliche, offene Barken, in denen reinlich gekleidete und oft auch recht anmuthig gebildete Landmädchen die Gartenerzeugnisse des Landes feil hielten, die damals in der reichen Ueppigkeit, wie sie hier den Augen begegnete, nur von der kunstverständigen Betriebsamkeit der holländischen Gärtner hervorgebracht werden konnte. Aehnliche Fahrzeuge schwebten, im bunten Gewühle mit andern, über die Spiegelfläche der Canäle hin, gelenkt von den gewandten Mädchen, die an den Hausthüren ihrer täglichen Kunden den bestellten Bedarf absetzten. Näher am Haven befanden sich die Marktboote der aus der Ferne zurückkehrenden Schiffe, mit glänzenden Südfrüchten, Orangen und Sina-Aepfeln, beladen; ihnen gegenüber die flachen Fahrzeuge mit gedörrten und gesalzenen Fischen.

Auf dieses regsame Treiben sah aus einem Fenster des berühmten Gasthofes zum Wappen von Rotterdam, mit einem sehr ernsthaften Gesichte, der Professor Eobanus Hazenbrook herab. Es hatte ihm vom gestrigen, reich aufgetragenen und köstlichen Nachtessen kein Bissen munden wollen, die ganze Nacht hindurch hatte der Schlaf sein Lager gemieden und das treffliche Frühstück, aus Fleischschnitten, gedörrtem Lachse, Edamer Käse und dunkelbraunem Thee bestehend, war noch unberührt auf dem Tische an seiner Seite zu erblicken. Er hatte keinen andern Gedanken, als nur an den halsstarrigen Tobias van Vlieten, der, allen Sinn für die Erweiterung der Kunst und Wissenschaft, für den Ruhm seines Vaterlandes verleugnend, sich nicht zur Mumie machen lassen wollte. Immer stand die hagere, ausgedörrte Gestalt des Handelsherrn, die für ihn alle ersinnlichen Reize besaß, vor seinen Augen. Je mehr seine Phantasie sich damit beschäftigte, von um so höherer Sehnsucht nach dem geliebten Gegenstande wurde er ergriffen. Er hatte mehrere vergebliche Versuche gemacht, die Sache, die ja doch unerreichbar schien, sich aus dem Sinne zu schlagen. Er war schon in aller Frühe zu einem Antiquarius gegangen, um bei diesem durch den Anblick von allerlei Curiositäten zerstreut zu werden; aber eine elfenbeinerne, zum Stockknopfe sehr zierlich gearbeitete Sphinx, welche ihm der Mann zum Verkaufe antrug, führte seine Gedanken sogleich wieder nach Egypten, zu den Pyramiden und dem unseligen Gegenstande seiner hoffnungslosen Liebe, zu der Mumie. Er entfernte sich seufzend aus dem Laden des kopfschüttelnden Antiquarius, der da bei sich selbst meinte: der Professor Eobanus Hazenbrook sey nun endlich wirklich übergeschnappt, was man seiner tiefsinnigen Studien wegen schon längst befürchtet. Eobanus schritt indessen trauerig weiter dem Haven zu. Er mochte sonst wohl sein Auge gern ergötzen an den füllereichen Gestalten der Obstverkäuferinnen, die in den anliegenden Nachen aus dem rothwangigen Antlitze mit schalkhaften Blicken die Vorübergehenden zum Kaufe anlockten. Er stellte sich auch heute in gespreizter Haltung vor die Reihe der untereinander kichernden Mädchen, er richtete seine Augen auf sie, aber er sah nicht die apfelrunden Gesichter, die blitzenden Augen, die wohlgefälligen Gestalten; denn immer schwebte, von dem sehnsüchtigen Gemüthe hervorgerufen, vor seinen Blicken das unter den Sonnenstrahlen Indiens zusammengedörrte Antlitz des Herrn Tobias van Vlieten und dessen eckige Knochengestalt, dem Professor jetzt anlockender und reizender erscheinend, als der vatikanische Apoll oder die Mediceische Venus, von denen ihm reisende Künstler so vieles erzählt. An sich und seinem Glückssterne verzweifelnd floh Eobanus in das Gasthaus zurück. Er bestellte das beste Frühstück von der Welt. Die alten Wunderkräfte aber hatten ihren Zauber auf ihn verloren. Wir fanden ihn, noch immer grübelnd, noch immer sehnend neben dem unberührten Frühstücke.

Jetzt tobten seine Begleiter, die zwei jungen Franzosen herein. Sie hatten kaum den wohlbesetzten Tisch erblickt, als sie sich daran niederwarfen und mit einem wahren Löwenhunger über die aufgetragenen Speisen herfielen. Die Fleischschnitten verschwanden bald bis auf wenige, der Edammer drohete in’s Nichts zurückzukehren. Dieser Anblick brach die harte Rinde der Verzweiflung, die sich um das Herz des Professors gelegt hatte. Wie ein Strom, der gewaltsam zurückgehalten, endlich seine Dämme niederstürzt, so schleuderte jetzt der mächtig erwachende Appetit die Gestalt des Herrn van Vlieten aus der Erinnerung des Eobanus hinweg, und nur die Gegenwart behauptete ihr Recht durch die zauberische Gewalt des Edammer und der Fleischschnitten. Eine Bärin stürzt zur Vertheidigung ihrer Jungen nicht so wüthend herbei, wie Eobanus, um sich die Ueberbleibsel des Frühmahls zu sichern. Die jungen Leute sahen ihn erstaunt an. Er aber sprach mit vollen Backen und arbeitenden Kinnladen:

»Entartete Musenkindlein! Muß das Euer ehrwürdiger Lehrer, der weltberühmte Hazenbrook, an Euch erleben, daß Ihr seinen gerechten Schmerz mißbraucht, um ihn Hungers sterben zu lassen? Habe ich nicht Euch ernähret mit dem Honig der Kunst, mit der Kraftbrühe der Wissenschaft? O, Ihr Undankbaren! Wer erschloß Euch das Mysterium der Natur, wer ließ Euch in die Tiefen der Schöpfung blicken, wer führte Euch in das Innere des menschlichen Leibes, daß Ihr Euch dort lustiglich umschautet, und fröhlicher Dinge die Wunder seines Baues erkanntet? Ist das nun das Honorarium, welches Ihr mir spendet, daß Ihr mir Alles wegspeiset vor dem Munde und einen meuchelmörderischen Anschlag schmiedet auf mein Leben durch die grausamste Todesart?«

Während der Professor auf diese Weise, halb im Scherze, halb im Ernste zürnte und ganz entsetzlich drauf loskauete, verschwanden unter seiner Thätigkeit sämtliche Reste von Speisen, die sich noch auf dem Tische vorgefunden hatten, so wunderbar geschwind, als wenn sie der geschickteste Taschenspieler hinweggezaubert hätte. Dann nahm er ruhig einen Platz zwischen den beiden Jünglingen ein und fuhr, indem er nach der japanischen Theekanne griff, mit milder Stimme fort: