»Wo kommt man her? Wie hat man die Morgenstunden zugebracht? Ist das Sprüchlein: aurora musis amica, nicht gänzlich außer Acht gelassen worden? Die Pflicht gebeut mir, auf Euere Handlungen und Gänge ein wachsames Auge zu haben, damit Ihr mir in moribus nicht dahinten bleibt, während Ihr in literis vorschreitet.«

»Wir suchten Euch bei den schönen Obstverkäuferinnen,« versetzte mit einem schalkhaften Lächeln der eine der beiden jungen Leute. »Wir wissen, daß Ihr Euch ein Lieblingsgeschäft daraus macht, an diesen wohlgebaueten Demoisellen die Muskellehre zu studiren.«

»Recte dixisti!« erwiederte der Professor, indem er das rechte Auge schloß und mit dem linken blinzelnd nach dem Studenten hinsah. »Dem Reinen ist Alles rein!« fuhr er fort. »Und Euch, mein lieber Monsieur, wäre zu wünschen, daß Ihr immer auch nur in einer solchen wissenschaftlichen Absicht das weibliche Geschlecht anschauen möchtet.«

»Ich lege mich stark drauf,« versicherte der junge Mann. »Euer Beispiel spornt mich an.«

»Das kann ich ihm bezeugen;« fügte der andere hinzu. »Morgué! Er hat auch hier schon in dieser Beziehung das Terrain recognoscirt, wie es uns Franzosen im Feindeslande geziemt —«

»Still, still!« unterbrach ihn bedeutungsvoll der Professor, indem er auf die übrigen, im Hintergrunde des Theezimmers versammelten Gäste deutete. »In diesen bedenklichen Kriegszeiten werdet Ihr wohlthun, Euch nicht allzulaut als Feinde der hochmögenden Heern Generalstaaten zu bekennen. Was Franzosen? Ihr seyd wallonische Musenkindlein und als solche inscribirt in das große Buch der Academie.«

»Ich bin ein Franzos und sage es laut!« rief jener und schlug, kühn um sich schauend, mit der geballten Faust auf den Tisch, daß das japanische Porcellan zusammenklirrte. »Meint Ihr, ich heiße umsonst Le Vaillant und sey aus der herrlichen Gascogne in Euer miserables Land gekommen, um mein Vaterland und meinen Namen zu verleugnen? Cadédis! Se. Majestät, der allerchristlichste König, wird dieses Krämervolk nach seiner Pfeife tanzen lehren, wie es ihm gefällt!«

Er warf einen trotzigen Blick auf die Bürgersleute und Seemänner, die nur durch das laute Wesen des vorwitzigen Jünglings aufmerksam gemacht wurden, aber zu seinem Glücke seine Sprache nicht verstanden. Man war gewohnt, an öffentlichen Orten französisch reden zu hören, ohne gleich deshalb die Anwesenheit von Franzosen anzunehmen, da ja auch die befreundeten Flammländer, Brabançons und Wallonen sich meistens dieser Sprache bedienten.

»Wenn du deinen kriegerischen Namen Le Vaillant geltend machen willst,« nahm jetzt der andere Student das Wort, »so werde ich nicht minder das Ansehen des meinigen zu behaupten suchen. La Paix klingt wenigstens eben so gut wie Le Vaillant, und ist sicher im Allgemeinen mehr beliebt. Ich bin der Balsam auf die Wunden, die Du schlägst. Du bist der Dorn und ich die Rose, und wenn ich meine Stimme gebieterisch erhebe, so müssen deinesgleichen schweigen und vom Schauplatze abtreten. Doch genug der Scherze! Ich sehe Du willst dich ereifern, mein theuerer Le Vaillant, und aller Eifer ist meiner friedfertigen Natur zuwider. Wir haben wichtigere Dinge zu machen, als läppische Namenwitze. Wir haben die wissenschaftlichen Anstrengungen unseres ehrwürdigen Lehrers zu unterstützen, als Söhne der erlauchten Lugduner Academia müssen wir der herrlichen Mutter zu Allem behülflich seyn, was ihren Glanz erheben kann?«

Der Professor war ganz Ohr geworden. Er vernahm nur die lieblich lautenden Worte, er sah nicht den Schalk, der in dem Auge des muthwilligen La Paix lauerte.