»Wie, hochmögender Herr Bürgermeister,« hob er, von einer Täuschung befangen, an, die des Professors stattliche und ihn unkenntlich machende Amtstracht veranlaßte, »Ihr selbst habt die Gewogenheit, Euch zu mir zu bemühen, um mir Trost und Beruhigung zu bringen in meinem großen Kummer, um mir Hülfe und Unterstützung zuzusichern für eine Angelegenheit, die jeden ehrsamen Bürger von Rotterdam, der eine mannbare Tochter im Hause hat, mit Angst und Besorgniß erfüllen muß? Ja, verehrungswürdiger Vorstand unserer guten Stadt, meine Clötje ist mir geraubt worden nächtlicher Weile und mit ihr die tugendsame Jungfrau Philippintje! Niemand anders ist der Räuber als der Sohn des verrätherischen van Daalen, der seine Seele den Spaniern verkauft für schnödes Gold, aber von dem gerechten Schicksal geprellt worden ist um den Sündenlohn. Hochmögender, ich klage den gewesenen Kriegshauptmann Cornelius van Daalen des Verbrechens einer doppelten Jungfrauenentführung an, ich verlange, daß die alte Strafe des Säckens wieder erneuert und auf ihn angewendet werde. Schon hat sich der Polizeimeister in das Haus des Verbrechers begeben, um Alles genau zu durchsuchen, um das corpus delicti, wie die Gelehrten sagen und welches bei dieser Gelegenheit leider meine eigene eheleibliche Tochter ist, aufzufinden. Lasset, Myn hochmögender Heer, in dieser Sache allein das Recht walten und nicht die Gnade, lasset das Schwerdt der Strafe niederfallen auf das Haupt des Verbrechers, wie er es verdient. O, daß mir Dieses nicht in Batavia begegnet ist, als ich noch daselbst im hohen Rathe von Indien saß! Da hätte ich nach eigenem Urtheilsspruche den Majestätsbeleidiger spießen, rösten oder von Elephanten zertrampeln lassen können. Hier aber — ach! ich fürchte sehr, daß ich es nicht einmal bis zum Säcken bringe.«
Der Professor wußte nicht, wie er sich bei dieser seltsamen Verwechslung benehmen sollte. Er stand noch immer mit tief gebeugtem Haupte, so daß dem Herrn van Vlieten sein Angesicht verborgen war. Während er darüber nachsann, wie er der Sache eine andere Wendung geben könne, ohne den Handelsherrn zu sehr zu alteriren und die tödliche Catastrophe zu beschleunigen, theilten sich flüsternd die beiden Studenten ihre Bemerkungen über das Gehörte mit, aus dem sie erkannten, daß der Anblick der schönen Clelia ihnen für diesesmal entzogen bleiben würde. Das Abentheuerliche ihres Verschwindens erregte die ganze Theilnahme der jungen Leute. Die Entführung eines Mädchens war in ihren Augen eine Heldenthat, der sie nur eine vorziehen konnten, nämlich die, dem Entführer die Entführte wieder abzujagen. Sie brannten vor Begierde, Näheres zu erfahren, sie waren im Drange der Erwartung dicht hinter den Professor getreten! Dieser hatte indessen einen Plan gemacht, von dem er sich für seine wissenschaftliche Herzensangelegenheit den günstigsten Erfolg versprach. Eben wollte er sich demaskiren, eben wollte er die nöthigen Einleitungen zu seinem Vorschlage, bei dessen Verwirklichung er viel auf den Unternehmungsgeist seiner zwei jungen Freunde rechnete, anspinnen, als sich plötzlich die Szene veränderte und aus dem bisherigen Frieden in einen tumultuarischen Zustand überging.
Es trappelte auf der Treppe, es stürmte herauf in wilder Eile und mit verwirrtem Getöse. Mehrere Stimmen wurden laut, aber man konnte nicht unterscheiden, was sie sprachen. Der Professor und die Studenten traten zur Seite, Tobias schritt bebend vor.
»Sie bringen meine Clötje,« stammelte er kaum vernehmlich. »Man hat sie gefunden, man führt sie her: sie und Philippintje und den schändlichen Jungfrauenräuber!«
Aller Blicke waren nach dem Eingange gerichtet; aber nicht die reizende Clelia, nicht die ehrbare Philippintje, nicht Junker Cornelius, der kecke Kriegsmann, traten herein, sondern vielmehr Herr van Daalen selbst, von einem ganzen Häuflein Polizeitrabanten begleitet, und in heftiger zorniger Bewegung. Das fette Antlitz des kleinen Mannes wetteiferte mit dem hagern des Herrn Tobias in dunkelglühender Röthe, die gläsernen Augen funkelten mächtig und das spanische Rohr war hoch in der Rechten erhoben, wie zum Angriffe und Ausschlagen.
»Gebt mir meinen Cornelius heraus;« brüllte er mit Löwenstimme, »schafft ihn sogleich herbei, Ihr Menschendieb und Seelenkooper, oder man wird Euch peinlich befragen, was Ihr mit dem edeln Jungen angefangen habt?«
Einige Polizeitrabanten hatten sogleich den Eingang besetzt, andere näherten sich dem Götzenbilde und umzingelten dieses. Herr van Vlieten starrte einige Augenblicke lang den frechen Eindringling und seine Begleiter in verstummendem Erstaunen an. Dann brach er los:
»Ist denn der Bösewicht nicht durchgegangen in dieser Nacht mit meiner Clötje und hat noch die tugendbelobte Philippintje als Dreingabe mitgenommen, wer weiß wohin? Und seyd Ihr nicht der Hehler dieses Verbrechens, das zu gelinde noch mit einfacher Säckung bestraft werden wird?«
Da erschallte aus dem Munde des Herrn van Daalen, der jetzt den Zusammenhang des Ganzen einzusehn begann, ein unauslöschliches Gelächter. Er winkte die Polizeimänner zu sich heran, er ließ den Stock sinken, er nahm den Hut ab, den er bisher aufbehalten hatte.
»Nun wenn es so ist, so ist Alles gut!« sagte er in einem Tone, den das fortdauernde Lachen zu ersticken drohete. »Auf und davon also sind die Kinder, der tolle Cornelius und Euer liebliches Clötje? Lasset keine Sorge in Euerm Gemüthe erwachen deshalb: er thut ihr nichts zu Leid und der ehrbaren Jungfrau Philippintje ebenso wenig, wenn ich ihn recht kenne. Aber, Herzensfreund, nun sind ja plötzlich alle Differenzen verschwunden! Was wir Jahrelang in süßer Hoffnung auf unsere Kinder verhandelt, ist mit einemmale geschlichtet: sie sind ein Paar geworden und es kommt auf die zweimalhunderttausend Dukaten mehr oder weniger nicht an. Gebt mir die Hand und laßt uns treu zusammenhalten als freundliche Schwäher!«