»Euer Gedanke, hochverehrter Lehrer, den dicksten Mann der guten Stadt Rotterdam für die Nachwelt einzumachen, indem ihr ihn zugleich der Vorwelt als eines ihrer wunderbarsten Geheimnisse in den Schooß legen wollt, hatte so viel Reizendes, ich kann sagen, Begeisterungsvolles für mich, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Schon in der ersten Frühe des Tages machte ich mich mit Le Vaillant auf den Weg, zog Erkundigungen über den wohlmögenden Herrn Tobias van Vlieten ein und ließ mir sein Haus zeigen. Dann begaben wir uns zu diesem. Noch war Alles verschlossen. Wir hatten aber nur wenige Minuten davor gestanden und das stattliche Gebäude aufmerksam betrachtet, als plötzlich dessen Thüre aufgerissen wurde und der Gegenstand Euerer Freude, Euerer Hoffnung und Euerer Sehnsucht darin erschien. Aber — Cadédis würde Le Vaillant ausrufen: wie war der Mann entstellt! das anmuthige Braun seines Angesichtes, das Euch so sehr entzückte, als Ihr ihn zum erstenmale sahet, hatte sich in ein dunkles Roth verwandelt, seine Blicke schossen Blitze, seine langen Arme fuhren wild in der Luft umher. Irgend etwas Ungeheures mußte ihm begegnet seyn! Er schrie und tobte mit dem hintenstehenden Hausgesinde, er that mit einemmale einen gewaltigen Sprung mitten in die Straße, sah sich nach allen Seiten forschend um, und fuhr eben so schnell wieder in’s Haus zurück. Die entsetzliche Alteration muß eine unglückliche Folge für ihn haben. Ich wette darauf: der Schlag rührt ihn noch heute und er fährt hin, ohne ein Testament gemacht zu haben.«

»Das kann, das darf er nicht!« rief entschlossen Hazenbrook und sprang von seinem Sitze auf. »Ich nehme die Obrigkeit zu Hülfe, ich appellire im Namen der Universität, er muß, will er nicht im Guten, mit Gewalt genöthigt werden, seinen schätzbaren Leichnam unserer Musenstätte zu testiren. Auf, Ihr Jünger der Wissenschaft! Wir wollen hin, wir wollen in das Innere seines Domicil’s dringen. Ich muß ihm noch einmal in’s Gewissen reden. Ist die schöne Hoffnung, daß er bald das Zeitliche mit dem Ewigen wechselt, keine grausame Täuschung, könnte ein schnell Ruhe bringender Schlagfluß der von ihm schmählich beleidigten Wissenschaft zu Hülfe kommen, dann soll und muß er vorher sein Testament machen, wie ich es wünsche, oder ich — halt! Was ich sonst im Sinne trage, will ich nicht verrathen. Erst Frieden, dann Krieg auf List und Gewalt!«

Die beiden jungen Leute hatten keine andere Absicht gehabt, als ihren Mentor zu einem neuen Versuche auf Herrn Tobias van Vlieten zu bewegen, indem sie hofften bei einem Besuche in dessen Hause, die gerühmte Schönheit der Tochter bewundern zu können. Während sie dem Professor auf die Straße folgten, gaben sie sich hinter seinem Rücken allerlei Zeichen, die ihre Zufriedenheit über die gelungene List aussprachen.

Eobanus ging mit großen Schritten vorwärts. Er trug seine amtliche Kleidung, die in einem weiten, schwarzen Talar und einem rothen Barette bestand. Die Bürger, welche ihm begegneten, grüßten ihn ehrerbietig. Es fiel ihm ein, daß es nicht wohl gethan seyn würde, den Herrn van Vlieten gleich wieder mit dem Verlangen zu bestürmen, das dieser gestern mit so großem Unwillen zurückgewiesen hatte. Er beschloß, auf Umwegen sich dem Ziele zu nähern, um so mehr, da dem Gegner in seiner eigenen Wohnung hinlängliche Mittel zu Gebote standen, die etwa überlästigen Gäste zu entfernen. Er legte sein Gesicht in die freundlichsten Falten, er besann sich auf anmuthige und gewinnende Redensarten, die den Handelsherrn kirren möchten, er rechnete Viel auf die Wirkung seiner Amtstracht, die ihm, wie er glaubte, ein ehrwürdigeres Ansehen gab, als das schlichte Reisekleid am gestrigen Abend. Als seine Begleiter ihm in der Ferne das van Vlietensche Haus zeigten, ermahnte er sie, in aller geziemenden Höflichkeit einzutreten und während des Besuches sich im Allgemeinen ganz nach seinem Beispiele zu richten. Je mehr er sich dem Hause näherte, desto heiterer wurde seine Miene, sein Schritt wurde hüpfend und mit höflich vorgebogenem Oberleibe stand er endlich vor dem Eingange.

Dieser war gegen die herrschende Sitte weit geöffnet. Man sah im Hintergrunde des geräumigen Vorplatzes mehrere Leute ängstlich hin- und herrennen. Die Thüren der Schreibstuben standen offen. Eine große Verwirrung schien zu herrschen. Aus dem obern Stocke herab vernahmen die drei Eintretenden eine scharfe belfernde Stimme, in der Hazenbrook die des Gegenstandes seiner Wünsche und seines Sehnens zu erkennen glaubte. Er schritt kühn die Treppe hinauf, ihm folgte, nach allen Seiten mit scharfen Blicken die schöne Clelia suchend, das Studentenpaar. Sie hatten ungefähr die Hälfte der Stufen zurückgelegt, als ihnen von oben herab ein Mann rasch entgegenkam, der eine Art Uniform trug und sich durch den weißen Stab in seiner Hand als einen Gerichtsdiener der guten Stadt Rotterdam auswies. Er warf argwöhnische Blicke auf die Besuchenden. Der Trotz aber, mit welchem Le Vaillant ihn ansah und ins Besondere die stattliche Professortracht Hazenbrooks flös’ten ihm Respect ein, so daß er ehrerbietig bei Seite trat und den Hut abzog.

Sie hatten jetzt einen Gang im obern Stocke des Hauses erreicht. Durch eine offenstehnde Thüre überblickten sie einen Theil des vor ihnen liegenden Zimmers. Da sahen sie das scheußliche Fratzenbild des Götzen und die wackelnden Pagoden; aus einem Winkel des Gemaches aber, der ihren Blicken verborgen lag, ertönte eine klagende Stimme:

»O Clötje, Clötje, warum hast du mir das gethan? Was hat dich herausgetrieben aus dem Hause des Ueberflusses in eine Welt der Entbehrung, wo du jedes Loth Thee unmäßig bezahlen, den Zucker dir sparsam zumessen, den kleinsten Zimmetstengel mit Gold aufwiegen mußt? Hattest du denn nicht den Schlüssel zu den Gewölben in jeder Stunde des Tages, daß du Rosinen und Mandeln naschen konntest nach Belieben? War dir der Keller, wo der kostbare Muscat- und Canariensect liegt, jemals verschlossen? O Clötje, du brichst mir das Herz und, ich glaube, ich sterbe noch in diesem Augenblicke!«

»Das wollen wir uns verbeten haben!« sprach Eobanus hastig in sich hinein und schritt mit Eil in das Zimmer. In diesem befand sich niemand als Herr Tobias van Vlieten. Er saß in einer Fenstervertiefung auf einem niedern Sessel, die Ellenbogen auf die Kniee, den Kopf in die Hände gestützt. Er schien das Geräusch gar nicht wahrzunehmen, das der Eintritt des Professors und seiner Begleiter verursachte. Wie diese gemeldet hatten, war in der That die dem Eobanus so wohlgefällige, braungelbe Farbe seines Angesichtes in ein dunkles Roth übergegangen, die Adern an der Stirn waren mächtig angeschwollen und sein Kopf war in einer beständigen zitternden Bewegung.

»Ja!« sagte Hazenbrook, als er ihn erblickte, leise für sich hin. »Er ist ein Candidatus mortis. Der Schlagfluß rückt heran. Wir müssen sanft und freundlich mit ihm zu Werke gehen, um den kritischen Moment hinzuhalten, bis er testirt hat.«

Erst als der Professor dicht vor ihm stand und durch ein halblautes Räuspern sich bemerkbar zu machen suchte, blickte Tobias auf. Die Anwesenheit der Fremden schien ihm nicht unangenehm zu seyn. Im Gegentheile erheiterte sich sein Angesicht und er begrüßte, indem er sich erhob, den Eobanus mit einer ehrerbietigen Verbeugung.