»Wer anders, als Junker Cornelius van Daalen;« antwortete tief aufseufzend des jungen Mannes Verbündete. »Du kannst dir nicht denken, Kind,« fuhr sie fort, »in welchem entsetzlichen Zustande er heute Morgens zu mir kam! ›Philippintje,‹ sagte er zu mir, und die Thränen standen ihm dabei in den schönen blauen Augen, ›um mein Glück ist’s geschehen! Die himmlische Clötje habe ich zu schwer beleidigt und sie kann mir nicht verzeihen. Ich war verblendet, ich war außer mir, als ich ihr Dinge vorschwatzte, die sie, sobald sie erwacht, für thörigte und strafbare Vorspiegelungen erkennen muß. Sie wird mich einen Betrüger schelten, sie wird den heftigsten Unwillen auf mich werfen, mir ihre Liebe entziehen und das überlebe ich nicht.‹ Bei diesen Worten sah er mit einem so sonderbaren Ausdruck in seinen Gesichtszügen hinab in die Wellen, die an die Seitenwand des Schiffes schlugen, daß mir angst und bange wurde, er wolle sich im Augenblicke ins Wasser stürzen. Ich hielt ihn mit beiden Händen fest, ich ermahnte ihn sein Seelenheil zu bedenken, als ein guter wallonischer Christ. ›Was hilft mir Alles,‹ rief er da mit einer wahrhaft verzweiflungsvollen Stimme aus, ›wenn Clötje nicht die Meinige wird, in deren Besitz ich allein mein Heil suche? Die Liebe zu ihr macht mich unglücklich, denn ich habe sie nicht aus Bosheit, sondern aus übergroßer Liebe beleidigt. Als ich in dem Schiwa steckte und des alten Herrn Tobias Schreckensworte hörte, mit denen er meinem Vater erklärte, daß ich nun und nimmermehr mir Rechnung auf die Hand seiner Tochter machen dürfte, da war es, als ergriff mich ein höllischer Geist und umnebelte meine Sinne. Der Gedanke sie zu verlieren, erfüllte mich mit Verzweiflung. Ich wußte nicht, was ich sagte. Nur Eins stand fest vor meiner Seele, daß ich ohne Clötje nicht leben könne, daß ich sie mir erringen müsse auf jeglichem Wege und um jeglichen Preis. Ach, wie täuschte ich mich, indem ich auch sie täuschte! Ich dachte nur an den nächsten Augenblick, nicht an die fernere Zukunft. Erst als der Morgen kam, als die Vaterstadt schon weit hinter uns lag, als ich ruhiger ward, sah ich mein Vergehen ein, überzeugte ich mich, daß sie die Täuschung erkennen und mich dann —‹ er wurde ganz blaß bei den Worten — ›aus ihrer Nähe verbannen würde. Das ertrage ich nicht, Philippintje! Wo das Wasser am Tiefsten ist, da ist es nicht zu tief für die verzweifelte Liebe.‹ Er machte wieder eine heftige Bewegung nach den unten strömenden Wellen hin. Als ich ihm nun aber recht freundlich zusprach und ihm die Versicherung gab, daß du, mein Clötje, nicht unversöhnlich seyn, daß du gewiß verzeihen würdest in einer Sache, von der du selbst die Hauptschuld trügest, da verminderte sich sein entsetzliches Jammern und er überließ sich nur noch einem stillen ruhigen Schmerze. Er sitzt da, wie ein blaßes Bild der Reue und des Kummers. Er spricht nichts und bewegt sich nicht. Sein Freund, der Capitän, weiß nicht, was er aus ihm machen soll, und selbst die rohen Matrosen betrachten ihn mit Bedauern. Du solltest ihn nur sehen, Clötje! Sein betrüblicher Anblick würde dir gewiß zu Herzen gehen, besonders da du die einzige Ursache seines Unglücks bist.«
»Wie kannst du nur so sprechen?« versetzte mit einem Tone, in den sich Theilnahme und Unwille mischten, Clelia. »Habe ich ihn durch irgend Etwas zu der Meinung berechtigt, ich würde mich aus freien Stücken einer Betrügerei hingeben, die mich aus dem Vaterhause entfernt? Sage selbst, Philippintje, hat er nicht ganz abscheulich an mir gehandelt, indem er mich durch eine Unwahrheit dazu brachte, gleich einer verlaufenen Dirne mit ihm in die Welt zu gehen?«
»Ewiger Herr!« entgegnete die Hausjungfer und verdrehete die kleinen grauen Augen: »wie kann man nur so scharfsichtig und dabei so ganz entsetzlich blöd seyn, daß man das Staubsplitterchen im Auge des Nächsten und den baumlangen Balken im eigenen nicht bemerkt? O, Clötje, meinst du denn, man könne Unkraut säen und Waizen erndten? Hast du der Lehre des Domine vergessen, die da sagt: thuet Gutes Denen, die Euch Uebles gethan haben, denn die Rache ist mein, spricht der Herr! Und Clötje, wie kannst du dich nur rein waschen in dieser Sache? Wer ließ den Junker bei Nacht und Nebel ein durch die Hinterthüre des Hauses zur heimlichen Zusammenkunft? Hierin liegt der Grund alles Uebels. Ein Mädchen, das ein Mannsbild und noch dazu einen gewesenen Kriegsmann auf solche Weise bei sich sieht, ist an Allem schuld, was ihr nachher begegnen kann, und darf sich über nichts beklagen. Das muß ich besser wissen, wie du, denn ich bin ein Paar Jahre älter und habe auch meine Erfahrungen. Durch dich ist der Junker in’s Haus gekommen, durch dich in den Schiwa, durch dich ist er Zeuge geworden von dem Streite der beiden Väter. So warst du die Ursache, daß er in Verzweiflung über deinen bevorstehenden Verlust gerieth, daß er in seiner entsetzlichen Lage nach dem einzigen Mittel griff, das ihm sein Clötje zu erhalten schien, daß er in seiner Verblendung blieb bis an den heutigen Morgen, wo ihn nun die Reue und die Furcht ergriffen haben und er nahe daran steht, sich ein Leids zu thun. Der arme Mensch! Er wird sicherlich das Opfer seiner Liebe, wenn du ihm nicht durch einen freundlichen Blick neue Hoffnung und neue Lust am Leben einflößest.«
Wir sehen, daß Cornelius an Philippintje eine ebenso treue, als eifrige Bundesgenossin gewonnen hatte. Je länger das alternde Mädchen die Aussicht auf die jährliche Pension von einhundert Dukaten betrachtete, desto gerechter schien ihr des Junkers Sache. Sie fing erst an, mit allem ihr zu Gebote stehenden Scharfsinne Entschuldigungsgründe für sein Verfahren aufzusuchen. Kaum hatte sie einige derselben, mochten sie auch noch so unhaltbar seyn, gefunden, so glaubte sie auch schon daran und war bereit, ihre Aechtheit und Wahrheit gegen jedermänniglich in Schutz zu nehmen. In der Weise, von der wir ein Pröbchen gehört haben, sprach sie noch lange auf Clötje ein und es gelang ihr wirklich, dieser einen Theil ihrer Ansichten aufzudringen. Wie gern nimmt die Liebe selbst das Unwahrscheinlichste an, was den geliebten Gegenstand von Vorwürfen zu reinigen vermag, deren Begründetheit sich trennend zwischen die zwei Herzen stellen müßte!
Als Philippintje bemerkte, daß ihr Clötje sich immer mehr der Neigung zum Verzeihen überlasse und nur noch durch die Gedanken an den Zorn des Vaters und an das Gerede unter den Verwandten und Bekannten daheim zu Rotterdam, hauptsächlich beunruhigt werde, ging sie in einen andern Ton über und sagte scherzhaft:
»Was ist es denn auch Schlimmes um eine Spazierfahrt mit einer ältern Freundin und dem Bräutigam, der schon vor aller Welt als solcher genannt und bekannt ist? Wer weiß, daß die Väter sich entzweit haben am Abend vor der Abreise? Jetzt nach der Abreise werden die beiden Alten wohl so gescheut seyn, und Niemanden etwas davon sagen! Und ein Mittelchen gibt es, das macht Alles wieder gut, Herzenskind. Laß den Brautstand aufhören und den Hausstand anfangen! Bei der Muhme Jacobea ist gut seyn und des Vaters Schwester kann wohl Vaters Stelle vertreten und an seiner Statt das Jawort geben, wenn der Domine es verlangt, um Euere Hände segnend in einander zu fügen!«
»Nimmermehr!« fiel Clelia heftig und erröthend ein. »Ohne des Vaters Einwilligung, ohne seine Verzeihung thue ich nie diesen Schritt, und ich kann nicht begreifen, wie du, die immer von ihrer mütterlichen Liebe zu mir spricht, mir dazu rathen kannst?«
»Recht, Kind, ganz Recht!« versetzte einlenkend Philippintje, die noch zur rechten Zeit einsah, daß sie zu weit gegangen war. »Ich wollte dich nur auf die Probe stellen. Ohne des Vaters Jawort dürfen wir freilich den Domine nicht kommen lassen. Aber das wird sich Alles zusammenfinden ohne Anstand und Hinderniß, wenn wir einmal bei der Muhme sind. Jungfrau Jacobea muß dem wohledeln Herrn einen rührenden Brief schreiben, Junker Cornelius einen noch rührendern und du machst auch deinen kindlichen Schnörkel dran. Dem kann der Alte nicht widerstehn und wenn ihm der Schiwa auch noch so heidnische und gottlose Gedanken eingäbe! Und was kann er denn Besseres verlangen für seine Clötje, als den Sohn des Mannes, der nächst ihm der dickste ist im guten Rotterdam? Mein Himmel, auf zwei Finger breit dicker oder dünner kommt es nicht an vor dem Auge unseres Herrgottes und wenn er recht drein sieht, so sind wir Erdenwürmer alle so dick oder so dünn, einer wie der andere. Das sage ich dir, Clötje, unter die Haube mußt du mir, ehe wir wieder nach Rotterdam hineinkommen, als Frau van Daalen mußt du in den Haven einlaufen, oder sonst thue ich mir ein Leids an, denn das Gerede, was außerdem entstünde, brächte mich doch ums Leben in den ersten vierundzwanzig Stunden. Das Entsetzlichste aber ist dir noch gar nicht eingefallen: die Kirchenbuße an der Kirchthüre, die der Domine zu deiner ewigen Schande über dich verhängen wird.«
Dieser Schlag traf. Clelia erwiederte nichts. Sie seufzte und stand auf. Die Besorgnisse, welche ihr Philippintje’s Bericht von dem verzweiflungsvollen Zustande ihres Geliebten, beigebracht hatte, ließen ihr keine Ruhe. Sie stieg die Treppe hinauf, die nach dem Verdecke führte. Hier wollte sie, wenn Cornelius nun als ein rechtes Bild des Jammers und der Reue vor ihr stünde, durch einen tröstlichen Blick, durch ein friedliches, wenn auch nicht freundliches Wort ihn erheben. Philippintje folgte ihr. Auf dem kurzen Wege, den sie zu machen hatte, stellten sich ihrer einmal aufgeregten Einbildungskraft alle schrecklichen Entschlüsse in ihrer Ausführung dar, zu denen die Verzweiflung den beklagenswerthen Jüngling bewegen könne. Sie betrat in großer Beängstigung das Verdeck. Ihre Blicke flogen nach allen Seiten hin, um sich zu überzeugen, daß er noch da, daß er noch am Leben sey und nicht bereits nach dem letzten Hülfsmittel der Verzweiflung gegriffen habe. Siehe! da stand er frisch und fröhlich an der rauchenden Oeffnung, die der Küche zum Schornsteine diente und rief eben mit heller, heitrer Stimme hinab:
»Macht, daß bald angerichtet wird, Frau Beckje, denn ich habe ganz entsetzlichen Hunger!«