Der letzte Scherz war zu beißend, als daß Jansen ihn ruhig ertragen konnte. Er schleuderte die Hand des Freundes, die er ergriffen hatte, fort und ging, ein Wort des Unwillens in sich hineinmurmelnd, nach dem hintern Verdeck.

Die Barke schwebte jetzt zwischen zwei der Inseln hin, die da, wo Maas und Waal unter dem Namen der Merwe vereinigt fließen, sich bilden. Die Ufer der Inseln bestanden aus hohen Bollwerken von Pfählen und Zweiggeflechten, die den sandigen Boden gegen den Andrang der Wellen schützten. Fernher sah aus Wiesen und Gebüschen ein freundliches Bauernhaus oder eine strohbedeckte Fischerhütte. Noch einmal stieg in Cornelius Seele der Gedanke auf, ob nicht Pflicht und Gewissen von ihm forderten, die Tochter des Herrn van Vlieten zu einem Orte zu führen, wo sie den Beunruhigungen des Krieges nicht ausgesetzt war, aber auch nur zu leicht wieder sich aus seiner Nähe entfernen und ins Vaterhaus zurückkehren konnte. »Nein, nein!« rief da mit Allgewalt die Stimme der Leidenschaft in der Brust des jungen Abentheurers. »So verliere ich sie gewiß, und auf dem Wege, der durch Kampf und Gefahren führt, kann ich sie mir gewinnen. Wenn sie mich als Sieger, als den Retter ihres Lebens vor sich sieht, wenn sie erkennt, daß niemand sie treuer und muthiger zu schützen vermag ihr Lebelang, als Cornelius van Daalen; dann muß sie mir die thörigte Uebereilung verzeihen, dann muß sie die Meinige werden, dann wird sie auch der fürsprechenden Philippintje nicht widerstehn!«

Seine ganze Phantasie erfüllte sich jetzt mit Bildern des Kriegs und blutiger Kämpfe. Er schritt das Verdeck auf und nieder, musterte die vorhandenen Waffen und den Munitionsvorrath. Die Barke war ungewöhnlich stark bemannt, wahrscheinlich um den drohenden Kriegsgefahren im Nothfalle begegnen zu können! Cornelius zählte an zwanzig Männer, alle von kräftigem Körperbau, mit verwegenen Gesichtern, die da sagten, daß sie nicht allein mit Segel- und Tauwerk, sondern auch, wenn es gelte, mit Feuergewehr und Säbel, mit Enterbeil und Enterhaken umzugehen verständen. Viele von ihnen trugen in tiefen, vernarbten Einschnitten die Bilder von Galgen und Rad auf dem gebräunten Antlitze, Spuren von Zwistigkeiten, die sie mit ihren Cameraden gehabt hatten und die, nach der unter dem holländischen gemeinen Volke beliebten Weise mit der Spitze des Messers ausgemacht worden waren. Dennoch herrschte unter dem rohen Haufen die größte Ruhe und Ordnung, der strengste Gehorsam. Jansens riesenkräftige Gestalt, die Bestimmtheit und der Ernst, mit denen er seine Befehle ertheilte, schienen den besten Eindruck zu machen und jeden Ausbruch roher Heftigkeit in den nöthigen Schranken zu halten.

Indessen war Philippintje voll zweifelhafter Erwartung auf den Ausgang des Unternehmens, dessen Mitgenossin sie geworden, in das Innere der Cajüte getreten. Hier saß Clelia schon erwacht und aufrecht auf dem Ruhebette, sie sah still und ernst vor sich hin, sie schien in einer wichtigen Ueberlegung begriffen.

»Philippintje,« redete sie die Eintretende mit größerer Fassung an, als diese vermuthete, »wir sind beide grausam getäuscht worden. Man hat meine Unerfahrenheit, man hat eine Schwachheit von mir benutzt, mich zu einem großen Vergehen gegen meinen Vater zu verleiten. Als ich erwachte, wußte ich nicht, wo ich mich befand und es war mir Alles wie im Traume. Jetzt aber ist meine Besinnung zurückgekehrt, ich kenne die Schlingen, in welche man dich und mich verlockt hat, und die kindliche Pflicht erfordert von mir, mich ihnen zu entreißen.«

»Gewißlich sind wir übel daran,« erwiederte die Hausjungfer, welche für diese Anrede schon ihre Antwort in Bereitschaft hatte, »aber was können wir Anderes, was können wir Besseres thun, als uns vor der Hand in unser Schicksal ergeben und die Muhme Jacobea besuchen, wo wir Rath, Hülfe und Fürsprache bei dem Vater hoffen dürfen?«

»Nimmermehr!« versetzte eifrig Clelia. »Wir müssen umkehren mit der ersten Gelegenheit, wir müssen in’s Vaterhaus zurück, dort Alles gestehen und die Verzeihung des schwer beleidigten Mannes erflehen. Oder, Philippintje, ahnest du vielleicht noch nicht einmal, welches ruchlose Spiel man mit uns getrieben hat, muß ich dir erst Alles erzählen und erklären, meine eigene Thorheit und unglückliche Geistesschwachheit —«

»Nein, nein!« unterbrach sie im kläglichen Tone Philippintje. »Ich weiß Alles, der unglückliche junge Mann hat mir Alles entdeckt. Ach, es steht übel mit ihm! Er ist sehr zu beklagen. Ich fürchte für sein Leben, für sein irdisches und sein himmlisches Heil.«

Diese räthselhaften, auf irgend ein dem Junker van Daalen bevorstehendes Unglück deutenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Clelia erblaßte. Die Liebe, die sie für den unbesonnenen Jüngling empfand, überwog in diesem Augenblicke ihren Unwillen. Sie war in Verlegenheit, sie wußte nicht, wie sie, ohne ihre gütigeren Gesinnungen zu verrathen, eine weitere Erkundigung einleiten sollte. Endlich, nach einer ziemlich langen Pause, die Philippintje ruhig abwartete, sagte sie mit erkünstelter Kälte:

»Von wem sprichst du, Philippintje? Wer ist der Unglückliche, für dessen Leben du fürchtest?«