[*) ]So heißt eine Art von See zwischen den Grenzen von Holland und Brabant, der sich erst im Jahre 1421 durch Ueberschwemmung gebildet hat.

Er stürmte hinaus und hinauf; Beckje, im ganzen Gesichte erglühend, ihm nach. Cornelius war bei dem ersten Rufe aufgesprungen und hatte, von kriegerischem Ungestüm belebt, nach seinem Degen und seinen Pistolen gegriffen. Jetzt dachte er an Clelia, jetzt fiel ihm bei, wie er durch seine Unbesonnenheit die Geliebte in eine Gefahr gebracht habe, in der ihre Freiheit, ihr Leben, ihre ganze Zukunft bedroht erschienen. Ein Kleinmuth, wie er ihn noch nie empfunden, bemächtigte sich seiner. Er wagte nicht, das Mädchen anzusehen. Mit niedergeschlagenen Blicken näherte er sich ihr, die auch ihren Sitz verlassen hatte, und sprach in ängstlich gepreßtem Tone:

»Bei allen Waffenthaten Wilhelms von Oranien schwöre ich Euch, hochwerthe Clelia, daß mich der Gedanke, Euch in diese Lage versetzt zu haben, trostlos macht. Ich bin außer mir, ich kenne mich selbst nicht mehr. Sonst jubelte und jauchzte es in mir, wenn ich hörte, der Feind sey nahe, und noch vor einer Stunde dachte ich es mir als das Herrlichste und Größte, für Euch zu kämpfen, vielleicht Euer Leben zu erhalten durch irgend eine kriegerische That. Aber das ist nun mit einemmale vorbei, da die Wirklichkeit eintritt. Das Gefühl meiner Schuld liegt mir lastend in der Brust und mein ganzer Muth ist niedergedrückt unter seiner Schwere.«

»Schämt Euch, Junker Cornelius, und ruft nur immer den ersten Gedanken zurück, der Euch und der Liebe, die Ihr mir so oft gelobtet, Ehre bringt!« versetzte das Mädchen in einem so festen und aufmunternden Tone, daß der gewesene Kriegshauptmann ein anderes, fremdes Wesen zu hören glaubte und überrascht aufblickte. Clelia stand in ruhiger Haltung vor ihm. Sie war sehr blaß, aber ein Feuer der Begeisterung und der Seelenstärke glänzte aus ihren Augen, das den jungen Mann irre in seiner eigenen Wahrnehmung machte. »Warum sollte mich entsetzen,« fuhr sie fast heiter fort, »was Viele meines Geschlechtes schon vor mir erfahren haben? Kommt, Junker! Zeigt Euch des Ruhmes würdig, den Ihr schon in Kriegswerken erworben habt. Ein muthiger Mann mehr im Streite vermag Viel. Kommt! Auch ich will sehen, wie es oben steht. Ich muß den Feind erkennen, mit dem wir um Freiheit und Leben streiten werden. Habe ich auch nicht den verwegenen Sinn und die männliche Keckheit von Jansens Frau, die sie treibt, an dem Kampfe Theil zu nehmen, so will ich doch auch nicht feiern. Schickt mir die Verwundeten herab, an denen es nicht fehlen wird. Ich will sie verbinden und ihrer pflegen, wie ich es vermag.«

»Clelia!« erwiederte, von Bewunderung erhoben, Cornelius. »Ihr habt Euch in kurzer Zeit wunderbar verändert. Ich stehe beschämt vor Euch, wie eine Memme vor einem Helden. Jetzt erst fühle ich die ganze Unwürdigkeit meines Betragens, aber — beim Schwerdte des großen Marlborough! — ich will Euerer würdig werden, oder untergehen in diesem Kampfe, dessen Schrecknissen Ihr mit dem Muthe eines alten Kriegers entgegen seht.«

Das Mädchen drängte ihn fort. Sie waren im Begriff die Cajüte zu verlassen, als heulend und schreiend Philippintje hereinstürzte und mit den Gebehrden einer Wahnsinnigen ihre Gebieterin umklammerte.

»Wir sind verloren, wir werden erschossen und erstochen, wir werden, wie die Schiffsleute sagen, geentert werden!« jammerte sie. »Du, Clötje, und ich, und wenn sie uns geentert haben, die Satanskinder aus Hispania, so machen sie uns katholisch und wir kommen in das Unglück, vor dem wir, wie vor einem Höllenspuk davon gelaufen sind. Was helfen mir alle Dukaten, wenn mich der Spanier hat, mich und meine unsterbliche Seele? O wäre ich wieder daheim bei Herrn Tobias und bei dem Schiwa, bei den gefüllten Caffeeschachteln, bei den chinesischen Theebüchsen und den kanarischen Zuckerhüten! Ich wollte ja nimmer wieder, wie ich bisher gethan, manches Pfund der edeln Waare heimlich mitgehen heißen und es dem Domine zutragen. Vergieb mir meine Sünden, Herr, und führe mich glücklich wieder heim zu den Theebüchsen und dem Schiwa!«

Sie wußte nicht mehr was sie sprach. Sie sank mit gefalteten Händen auf das Polster der Cajütenbank zurück und betete in unverständlichen Tönen fort.

»Alle zu Hauf!« erklang in diesem Augenblicke Jansens Stentorstimme auf dem Verdecke. »Zeigt ihnen die Geusenflagge, damit die spanischen Hunde sehen, mit wem sie es zu thun haben!«