Dieser Ruf bewog Clelia, sogleich die Cajüte zu verlassen und auf das Verdeck zu eilen. Cornelius wollte sie unterstützen; sie lehnte es ab und stieg rasch und ohne alle Hülfe, die Treppe hinauf. Während Cornelius zu seinem Freunde flog, um diesen zu befragen, wie er ihm auf die beste Weise nützen könne, blieb Clelia in der Cajütenthüre stehen und sah mit ruhigem, unerschrockenem Blicke auf die Umgebungen. Sie fühlte sich über sich selbst erhoben, es dünkte ihr, sie sey jetzt edler und besser, als früher. Die Blässe, die auf dem schönen, ruhigen Antlitz lag, gab ihr etwas Ueberirdisches. Alles um sie herum war in der lebendigsten Bewegung. Schießbedarf wurde herbeigetragen, Gewehre wurden ausgetheilt, Beckje ging zu jedem Einzelnen der Schiffsbemannung, schenkte ihm ein Glas Genever ein und ermunterte die Leute. Die Gestalt des Mädchens, die sich in der Cajütenthüre so ruhig und furchtlos zeigte, machte einen besondern Eindruck auf die rohen Männer. Sie betrachteten sie mit Bewunderung, sie machten einander auf die liebliche Erscheinung aufmerksam und wenn die kühne Todesverachtung noch durch irgend Etwas hätte erhöht werden können, so wäre es durch den Gedanken gewesen, daß sie, indem sie für Freiheit und Vaterland kämpften, auch zugleich eine so wunderbare weibliche Schönheit zu beschützen hatten.
Indessen suchten Clelia’s Blicke das feindliche Schiff und fanden es. Still und drohend lag es in einer geringen Entfernung. Es schien sehr leicht gebaut, die Segel waren eingerefft, die Stückpforten noch verschlossen. Man mochte auch dort durch die plötzliche Begegnung der bewaffneten Barke überrascht worden seyn und noch in Zweifeln schweben, mit wem man es eigentlich zu thun habe. Ein verwirrtes Gedränge war auf dem Verdecke zu bemerken. Es unterlag keinem Zweifel, daß die Schebecke an Bemannung und Streitkräften der Syrene überlegen sey. Auch war sie gewiß ein schnellerer Segler, als diese. Die spanische Flagge wehete lustig am Vordertheile und diese Verwegenheit in einem Binnenwasser der vereinigten Generalstaaten, erfüllte Jansens Leute mit Wuth.
»Das Geusenzeichen auf! Laßt den Besen sehen, der die Meere fegt von den spanischen Don’s!« riefen mehrere ungeduldige Stimmen dem Bootsmanne zu, der fluchend umherrannte und im Eifer keinen Besen finden konnte.
»Da habt Ihr die Flagge!« schrie Beckje’s feine Stimme dazwischen, indem sie aus der Küche einen alten Borstenbesen heraufreichen ließ. »Laßt sie rasch auffliegen! Wir wollen, denk’ ich, diesen Schebecken-Caper damit hinwegfegen, daß ihm die Lust vergehen soll, jemals wieder den Biesbosch zu befahren.«
Die gefürchtete Geusenflagge, wie spottweise von den Holländern selbst der Besen genannt wurde, flog klappernd am Maste empor und schwebte nach wenigen Augenblicken fest an dessen Spitze. In gespannter Erwartung, welchen Eindruck diese Erscheinung auf dem feindlichen Fahrzeuge hervorbringen würde, vergingen mehrere Minuten. Mit gedämpfter Stimme sagte während dieser Zeit Jansen zu seinem Freunde:
»Es steht uns ein harter Kampf bevor! Die Schebecke ist stärker, wie wir, sie hält mehr aus und ihre Mannschaft zählt wohl das Doppelte der meinigen. Ich mag nicht Reißaus vor ihr nehmen und könnte es nicht, wenn ich auch wollte. Ihre Segel überholen die unserigen, ihr ganzer Bau ist auf Geschwindigkeit eingerichtet. Wenn das Schiff, das wir vor dem Essen, als einen schwarzen Punkt weit hinter uns sahen, noch zeitig herankommt, so haben wir gewonnen Spiel und der Don muß streichen und sich ergeben auf Gnade und Ungnade. Aber der Teufel weiß, wo es steckt! Im Biesbosch kann man keine Viertelstunde weit sehen vor lauter Inseln und Inselchen.«
»Besinne dich, Jansen!« versetzte in großer Aufregung Cornelius. »Giebt es nicht irgend eine Kriegslist, ein kühnes Wagstück, wodurch wir die Uebermacht des Feindes zu Schanden machen könnten? Uebertrag es mir! Bei der Asche Oraniens! Es soll dich nicht gereuen.«
»Wenn es Abend wäre,« erwiederte nachdenklich der Capitän der Syrene, »dann wäre etwas zu thun, dann wollten wir den Don anbrennen und braten in seinem eigenen Fette. Ich habe griechisches Feuer, Petarden und Brandkränze, die kein Wasser löscht — aber es ist nichts! Am hellen Tage können sie uns nichts helfen.«
Jetzt blitzte es auf aus einer der Stückpforten der Schebecke. Eine Kanonenkugel tanzte über die Wellen hin und flog dicht am Vordertheile der Barke vorbei. Der dumpfe Schall des Geschoßes donnerte durch die Lüfte.
»Der Don ist aus seiner Trägheit erwacht;« rief Jansen: »gebt Acht, er wird uns gleich noch mehr zu hören geben.«