»Laß mich, du fieberst. Ich verstehe dich nicht.«
»Doch, doch, du bist das Werkzeug, weil ich dir jetzt mein Geheimnis preisgebe. Mein Werkzeug wirst du sein. Höre! Deutliche Zeichen wallen durch die Welt. Was treibt die Geißelbrüder zu ihrer blutigen Selbstpeinigung durch deine Städte? Zu welchem Ziel schwärmen die Scharen halbnackter Kinder durch die Felder und fallen wie Heuschrecken über die Frucht? Welcher Wahnsinn, welche zitternde Unrast jagen Knechte und Herren von dir fort gen Sonnenaufgang? Ein ungeheures Suchen hat sie ergriffen, denn sie alle fühlen, daß die Erde den wühlenden Ekel nicht mehr länger erträgt. Ein anderes will sich gebären. Nun stehe auf, Königin, rufe die Menschheit endlich, endlich nach jahrtausendelangem Irrtum zu neuem Schöpfungsmorgen zusammen. Sieh, um mich her habe ich die Unbändigsten der Ausgestoßenen und Verlassenen gesammelt. Ihr Atem ist Haß, ihr Wort ist Neid, ihre Sehnsucht ist Mord. Diese Verzweifelten lade von ihren unsicheren Pfaden ans Land, in ein Land der Verheißung. Ungezählte Hufen liegen dir ungenützt, laß sie mich in gleiche Lose für die neuen, für die erstaunten Menschen einteilen, laß mich ihnen verkünden, daß Pflug und Egge, Stier und Roß fortan ihrem großen, glücklichen Bunde gemeinsam gehören, laß sie sich selbst richten und schützen, wo es nichts mehr zu richten und zu schützen geben wird, denn dann, oh Königin, aber auch nur dann wird den Beseligten die Göttergewißheit aufgehen, daß hoch und niedrig verschwand, weil der Mensch, der ursprünglich gute und reine Mensch, wieder an seinem unschuldigen Anfang angelangt ist. Das will ich vollenden, das muß sich vollenden, horch, bräutlich schmückt sich schon die Erde zum Bund mit dem frohen Menschen.«
In ein markerschütterndes Jauchzen wandelte sich das letzte, der junge Seefahrer stand da, angestrahlt von der Röte des Morgens, wie er Erwählten nur einmal aufzugehen pflegt. Die Rechte herumgeworfen zu dem Knauf des Schwertes, als gelte es nur noch, eine Schar Siegestrunkener, Begeisterter jenen kurzen Weg zu führen, den seine sengenden Augen förmlich aus dem Nebel hervorlockten. Margaretas Züge jedoch hatten sich verzerrt, feindlich öffnete sich ihr breiter Mund, ihre großen Zähne schoben sich vor zum Biß gegen einen ihr Gesicht umwindenden Faden. Nur eins hatte sie erfaßt, aber dies mit der ganzen Schlauheit des Weibes wie der Machthaberin, nämlich daß der Boden unter ihr wanke, weil der von einem Wahnwitzigen verkündete Bund ihrer und ihresgleichen nicht mehr bedürfe. Vergessen war ihr ursprünglicher Plan, hingemäht von der Schärfe ihrer eigensüchtigen Ansprüche, die Unmöglichkeit eigenen Entsagens entfachte ihr nichts als einen bitteren giftigen Haß. Kaum sah sie daher ihren Sitz freigegeben, als sie emporsprang, um sich gleich darauf des kleinen Hammers zu bemächtigen.
Mit einer scharfen ätzenden Ruhe sprach sie sodann:
»Sage mir, Claus Störtebecker, sind deine Spießgesellen bereits von dir eingeweiht?«
Vor dem Hohn der Anrede erwachte der Admiral; trotzig setzte er seinen gewappneten Fuß auf die Stufe des Sitzes und ließ die Rechte nicht von der Waffe.
»Königin,« warnte er grollend, »das, was mir die Nacht und das Elend in langen Jahren anvertrauten, das wissen nur du und ich.«
Die Königin erkältete sich immer mehr.
»Und mit einer Bande von Dieben und Räubern willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?«
Der Freibeuter entfärbte sich. Wild schrie er hinaus: »Auch Rom wurde von Dieben und Räubern geschaffen. Aber Verantwortung, Arbeit und Gemeinsamkeit, das sind die Bausteine eines edleren Geschlechtes.«