»Und wenn sich meine übrigen Lande von der Empörung anstecken ließen? Wenn sie anfingen, das lang Erworbene anzugreifen, die Ämter zu verjagen, den Gesetzen Hohn zu sprechen? Meinst du, das Blut der Zufriedenen sei weniger heilig als der Fiebersaft der Mordbrenner?«

»Weib, deine Augen deckt Blindheit,« tobte nun der Störtebecker außer sich. Schaum trat ihm vor die Lippen, drohend schüttelte er die Faust. »Du siehst nicht, daß du dich selbst nur von Raub und Diebstahl mästest. Die große Hure bist du, die sich dem Golde hingibt.«

»Und du bist ein Feind des Menschengeschlechtes,« sagte Margareta unbewegt. »Ich bereue, daß ich dir mein Antlitz zeigte. Hebe dich von mir. Und fortan sei Feindschaft zwischen uns, bis du ausgerottet bist.«

Da stieß der Admiral sein helles, schmetterndes Gelächter aus, dann aber verbeugte er sich plötzlich tief.

»Es sitzt wieder einmal eine Leiche auf dem Thron,« wies er mit ausgestreckter Hand, »es wäscht wieder einmal ein Lauer seine Hände in Unschuld. Aber bei den Schwären und Lumpen der Bettler sei's geschworen, ich will für ein königlich Begräbnis sorgen.«

Kein weiterer Abschied. Er riß den Vorhang auseinander und trat hinaus.

Da – dicht hinter den Falten stand es, wie ein weißes Bild. Eine schneekalte Wolke stand dort, in der es bebte und blitzte. Ein paar wirre, von frommem Wahnsinn geblendete Augen irrten hinter dem stürmisch Enteilenden her. Der stutzte, irgendwo mußte er eine ähnlich behütete Puppe des Wohllebens schon einmal erschaut haben, und frech und unverschämt winkte er ihr zu, bevor er die enge hölzerne Treppe hinuntersprang. Aber auch die Königin hatte hinter dem geöffneten Teppich etwas Fremdes entdeckt. Heftig erzürnt, noch geschüttelt von den umwälzenden Eindrücken des eben Vergangenen, teilte die Regentin mit einem Riß den Vorhang, um dann sprachlos auf der Schwelle anzuwurzeln.

»Was ist das?« rief Margareta bebend vor unterdrückter Wut, indem eine fahle Blässe über ihre Wangen zog, denn die niederschmetternde Gewißheit sprang sie an, daß der Ausgang ihres zweifelhaften Ringens nun nicht mehr der Vergessenheit anheimfallen würde. »Gräfin Linda, ich merke, Ihr vertragt nicht die Luft des Palastes. Wir sind um Eure Gesundheit besorgt. Verlaßt auf der Stelle die Stadt und wartet ab, was ich weiter zu Eurer Heilung beschließen werde. Keine Widerrede – geht – ich mag Euch nicht länger.«

Und nachdem die weiße Wolke Schritt vor Schritt, traumwandelnd, hinter der schmalen Pforte verschwunden war, da stürzte die Königin zurück und hieb besinnungslos auf die silberne Platte.

»Schafft den Kanzler zur Stelle,« herrschte sie den eintretenden Wäppner an. Es klang mehr wie ein bösartiges Kreischen.