Da streckte sie die Hand aus und wollte das Tier anrufen; allein seltsam, sie vermochte sich nicht an den Namen ihres Begleiters zu erinnern, und in der Qual, ihr eigenes Wesen verloren zu haben, sank sie wieder zurück, eine Fremde, Unbekannte in ihrem eigensten, heimlichsten Bezirk.
Draußen, auf dem Ahornbaum, begannen ein paar Meisen zu zwitschern. Sonst bedeutete dies den Weckruf des Morgens, denn auf Ingerlyst erhoben sich Herrin und Knechte mit der Sonne, heute jedoch blieb alles unverändert still, das Vieh brüllte nicht in den Ställen, und die Holzschuhe des Gesindes klapperten weder auf dem Hof noch in den Burggängen. Auch die Zeit schien sich gewandelt zu haben, auch sie starrte leer und ausgeplündert, gleich der Gebieterin hier auf ihrem kalten Lager.
Geduldig bettete sich die Verlassene auf ihren Arm, lauschte angstvoll auf die zuckenden Schläge ihres Herzens und wartete, ob der Bann noch einmal von ihr genommen werden könnte. So hätte sie vielleicht noch lange hingedämmert, verstoßen von ihrer Vergangenheit und nicht fähig, den Wirbel vor der Gegenwart zu durchbrechen, wenn sich nicht ein leises Ticken gemeldet hätte, das vom Holzwurm herrührte. Ihr gegenüber über dem schmalen Kamin war bis unter die Tafeldecke ein altes, wuchtiges Holzkreuz eingelassen, und in dem braunen Gebälk bohrte und pochte es manchmal, als wäre selbst das heilige Symbol vor Zermürbung und Vergänglichkeit nicht sicher.
Richtig, richtig, Linda raffte sich auf, denn sie meinte sich jetzt zu besinnen, daß sie jeden Morgen noch vom Lager aus ihre Arme zu jenem gewaltigen Stamm erhoben habe. Ja, ja, gewiß, allerlei kleine Bitten und Wünsche bedrückten stets ihr Herz. Und dann die eine große Sehnsucht nach Reinheit und Stille. Aber als sie nun nackt, entblößt, frierend auf ihren Kissen kniete, da erstarb ihr plötzlich die volle Bewegung, über ihr blasses Antlitz zog starres Entsetzen, und wie von einem Blitzstrahl getroffen, stürzte sie rücklings auf ihr Linnen.
Ein Wunder – ein Wunder – vor ihren weit aufgerissenen Augen spielte sich das Herzlähmende ab. Ein fremdes Haupt erschien an dem Querholz, ein braunes Lockenhaupt, mit Lippen, rot von Küssen, und wilde, schwarze Augen gierten über ihren Leib. Und jetzt wand sie sich mit einemmal in einem Feuermeer, das sie verzehrte.
»Gnade, Erbarmen!«
Allein der Brand der Erkenntnis überheulte alle früheren Begriffe.
Zu Hilfe – die Welt war eingebrochen! Das Erdrund taumelte und schüttelte alles Lebende durcheinander. Der Heiland des Schmerzes von seinem Holz gezerrt, und an seiner Stelle lachte ein Unbändiger voll Grausamkeit, Kraft und Willensstärke. Schwarz war weiß, Verbrechen Tugend, Sitte Torheit, Entsagung Wahnsinn; sieh da – sieh dort, eine unwiderstehliche Faust packte das fliehende Glück, das sonst niemand halten konnte, und knechtete es seinen Anhängern. Allen! Auch dir – auch dir – das Glück! Sie wollte schreien, aber sie fühlte, wie sie in unsichtbaren Armen verging, alle Glieder spannte sie zu Kampf und Widerstand, sie biß, sie würgte, aber in der Unterjochung sank sie hin, erlöst von aller Erdenschwere, eine Freie im Angesicht der Natur.
Als sie erwachte, war der Rausch verflogen. Sie fand sich wieder, wie sie tränenlos auf ihrem Lager hockte, um mit ausgehöhlten, erfrorenen Augen zu beobachten, wie sich die Blätter des Ahornbaums vor ihrem Fenster in Morgenröte kleideten. Drinnen in der kleinen Kemenate webten noch die unerwärmten Schatten, und jedes der spärlichen Gerätschaften schien zu frösteln, zu zittern und zu schaudern. Stumpf, teilnahmlos warf sich das blonde Weib die gewohnten Hüllen über, und je bekanntere Dinge sie ergriff, ein desto trüberes Erstaunen beschlich sie, daß sie sich bewege oder warum überhaupt noch Leben in ihr walte? Unbegreiflich, gar nicht meßbar, sie war doch gemordet, ihr Name verschwunden von der Tafel, wo die Reinen und Ehrbaren verzeichnet standen, eine unbarmherzige Räuberfaust hatte die Züge fortgewischt, aus keinem anderen Grunde, als weil sie eben seine Beute geworden. Sie, ihre Diener, ihr Hab und Gut, ihr Heim und alles, was sie früher geliebt hatte. Eine kurze, ungestüme Lust hatte genügt, um aus einer Aufrechten eine geduckte Verworfene zu formen, beladen mit unaustilgbarer Schande, und nur noch dazu bestimmt, vor ihrem eigenen Ekel in ein geräuschloses Ende zu flüchten. Das war das wirkliche Dasein, so verkündete es sich, ein Tier wurde von dem anderen gefressen, ohne Güte noch Gnade, und alles, was darüber hinaus geredet wurde von umfassender Bruderliebe unter den wilden Geschöpfen, großer Gott, es war nichts als Staub, Wind und schwärmender Wahn.