Ein Tier wurde von dem anderen gefressen. Hilfe – Hilfe! – An welch lächerliche Narreteien hatte sie denn früher geglaubt?

In der unermeßlichen Angst, daß ihr bald auch noch das letzte, der klare Verstand geraubt werden müßte, griff sich die nun Aufgerichtete an beide Schläfen. Ihre auseinanderspringenden Gedanken wollten sich an irgend etwas klammern, an ein lebendes Wesen, das ihren Sturz begriffe, an ein Herz, von dem sich liebevoll scheiden lasse. Sie mußte doch irgendwo festhaften? Oder war sie schon immer wie ein dürres Blatt durchs Leere gewirbelt? Aber wohin ihre Verzweiflung auch jagte, immer fand sie sich allein vor dem großen braunen Kreuz wieder, um das ihre Rechte sich krampfte, weil ihre Knie vor Schwäche zitterten.

Das Kreuz – das Kreuz!

Eine fürchterliche Pause des Wartens entstand. Fordernd, dringend tasteten ihre erweiterten Augen an dem toten Holze hin und her, und je mehr Zeit ergebnislos verstrich, desto verächtlicher begannen ihre getäuschten Lippen zu zucken. Dort oben regte sich nichts. Derjenige, der ihr früher an dem Querholz oft in verzückten Stunden erschienen war, dem sie sich geweiht und dessen Güte sie sich bald ganz ergeben wollte, er hatte tatenlos, schwächlich zugeschaut, wie Leib und Seele seiner Jüngerin zu seinen Füßen verheert und besudelt wurden. Von einem anderen, der gleichfalls zu den Armen und Beladenen herniederzusteigen meinte, nur, daß er seinen Weg mit Blut begoß und daß der Pesthauch aller verdammten Laster ihn umwölkte.

Wie gestoßen fuhr die Gehetzte herum, grub ihre Blicke ungläubig in das zerwühlte Lager und strich dann ruhelos an den Wänden herum, gleich einem Tier, das einen Ausweg aus unübersteiglichen Mauern sucht. Und sie fahndete auch nach etwas – der giftige Atem der Nacht mußte sie benebelt haben – denn sie suchte fieberhaft, rastlos nach einer Erklärung für ihren grausigen Niederbruch, nach einer Auflösung des Rätsels, warum ihr Körper den geistigen Tod auch nur um eine Sekunde überdauert habe? Vielleicht hatte der große, schöne, gewalttätige Mann ihre Seele mit Zärtlichkeit umstrickt, vielleicht ihr Gemüt dürstend, überredend zu seinem Werk herübergelockt, das wie eine blutrote Erdensonne hinter ihm stand?

Nichts – nichts, alles Ausrede und Wahn! Ihre Ehrlichkeit gestand sich etwas anderes. Über ihr hatte sich ein Gewitter ausgetobt, in dessen kalte Blitze sie offenen Auges, betäubt, entgeistert, demütig und duldend hineingeschaut. Und jetzt war die Wetterwolke vorübergezogen und hatte gleichgültig die geknickte Flur hinterlassen. Prüfend fuhr Linda an ihren Gliedern herab, und jetzt erlangte sie endlich die ersehnte Gewißheit. Alles tot, gebrochen, leblos, ihr blieb nur noch übrig, den Leichnam einzusargen.

Das war ihr Ziel, ihr letztes. Es stimmte im Grunde mit ihren Kindheitswünschen zusammen, die von je nach Aufhören und Verstummen gelangt hatten.

Mit fliegender Hand warf sie noch ihr zerdrücktes Gewand über und schlich auf den morgengrauenden Gang hinaus. Nicht einmal Zeit hatte sie sich genommen, die Lederschuhe anzulegen. Doch ihr abgeirrtes Bewußtsein empfand die Kälte der Steinfliesen nicht mehr. Mit stützender Hand hielt sie sich an den Wänden, und so schwankte sie ein paar der gewundenen Treppen hinab. Überall offene Türen, sonst Stille und Lautlosigkeit. Einmal stutzte sie. Von fern konnte sie in den großen Saal hineinlugen, in dem sich gestern abend das wüste Zechgelage abgespielt, und eine flüchtige Sekunde klammerte sich eine jähe Hoffnung an ihr fest, ob der Abt, der mildherzige, verzeihende Christenlehrer, vielleicht noch zwischen jenen Mauern ihrer harre. Gleich darauf freilich zuckte sie schuldbewußt zusammen, und wenn der weite Raum auch nicht so menschenleer und unrastig gegähnt hätte, die abgründige Scham würde sie gerade vor dem Angesicht des Priesters in besinnungsloser Flucht vorbeigetrieben haben. Nein, nein, nur keinem Genossen des Gestern mehr in die Augen schauen müssen, nur schnell und unbemerkt irgendwo den Sprung in die fegenden Höllenflammen wagen, damit die Lohe vielleicht die gräßliche Unsauberkeit läutern könnte. Selbst jetzt, wo ihr Erdenweilen kaum noch nach Augenblicken zu bemessen war, da preßte ihr die Scham, eine ganz unausdenkbare, umwühlende Scham, beide Hände vor das Antlitz, und ein winselndes Stöhnen entrang sich ihrer Brust.

Oh, nur dieser überwältigenden, giftigen Verachtung entfliehen, die wie ein Regen überall auf sie herniederfiel; nur schnell diesem letzten, heilsamen Entschluß zustreben, bevor das unschuldige Licht des Tages den für die Befleckte so wohltätigen Dämmer zerstreute.

Weiter, weiter, die Treppen liefen an ihr vorüber, die Hoftür war nur angelehnt, und als sie sich über den Wirtschaftsplatz drückte, da drängte es sich ihr auf, daß auch hier alles Leben erstorben sei. Nirgends mehr ein Stück Vieh, weder im Stall noch an der Tränke ein Knecht, öde und ungenutzt lag das alte Gemäuer, und nur der Wind knarrte ab und zu mit den offenen Türen. Allein gerade jene gespenstische Verlassenheit nötigte dem Schatten, der hier vorüberstrich, ein mattes Wohlgefallen ab. Kein Auge, das sie in ihrer früheren Reinheit gekannt, durfte sich fragend an sie heften, ungestört ließ man das namenlose, geschändete Geschöpf seines Weges ziehen.