Er führte sie nicht mehr weit.
An der hinteren Umwallung waren in schrägem Anstieg ein paar Stufen in die Mauer gehauen. Sonst hatte die verwöhnte Herrin niemals diesen Katzentritt benutzt, nun kroch sie bedenkenlos hinauf und beachtete es nicht einmal, daß ihr das Mörtelwerk die nackten Füße zerschnitt. Keuchend, schwankend langte sie auf der Mauerkrönung an. Und sofort fuhr der Seewind in ihr Gewand und stäubte es auseinander. Ein letzter, vor Vernichtungstrieb bereits trüber Blick belehrte sie, daß sie an der rechten Stelle angelangt sei. Unter ihr zog der Burggraben seinen grünen, fauligen Linsenteppich, bleierner Dunst brach aus ihm empor und spielte mit den Schatten, die eine Reihe uralter Kastanienbäume vom jenseitigen Bord über den starren Tümpel warf. Heiseres Froschgequake klapperte aus dem Nebel, und manchmal huschte es im Sprung über die Fläche, und die grünen Kugeln strudelten dann im engen Kreis auseinander.
Ja, sicherlich, hier öffnete sich das abschüssige Tor, hier konnte ein Wanderer eingehen, der für Vergessenheit und spurlose Entrückung das Letzte, Äußerste zu zahlen bereit war. Linda griff nach einem Tollkirschenzweig, der in dem Geröll wurzelte, und während ihre Füße bereits den Halt lösten, da summte ihr noch wohltätig die Erinnerung durch die Sinne, daß schon zur Zeit der Fehden gepanzerte Reiter mit Roß und Speer dort unten von smaragdgrünen Armen ins Bodenlose gezogen worden seien.
Es mußte ein langes, traumhaftes Sinken werden, und dann würde es sein, als ob eine ungeheure Faust glättend über eine Unebenheit dahingestrichen wäre.
Schon strauchelte sie, schon spannte sich die Tollkirschengerte zum Zerreißen.
Aber es war anders über sie beschlossen.
Kein erschreckter Menschenschrei störte sie, kein schützender Männerarm fing sie auf, nein, es war nur das Leben selbst in seiner überredenden Stärke, das auf sie zuschritt, um die Betroffene ein paar Spannen weiter als bisher in seine schimmernde Vielgestaltigkeit blicken zu lassen. Das Rad, das so lange einförmig gelaufen war und nun stockte, es empfing plötzlich einen unbegreiflichen Antrieb nach der entgegengesetzten Richtung. Hinter den Kastanienbäumen brauste ein Windstoß, ein langes Summen wühlte sich über das Meer, und dieser seltsame Ruf schleppte die Aufmerksamkeit der Verlorenen gebieterisch und zwangsweise mit sich. Sieh dort, welch ein Bild? Auf der Seehöhe, abgehoben von dem blauen Strich der aus milchigen Schwaden auftauchenden schwedischen Küste, schwoll der dunkle Leib eines Schiffes. Gewaltig, von nie geschauten Formen, lag es in dem blauschwarzen Teppich, widerstand sogar dem leisen Schaukeln der Fläche und stieß zwei riesenhafte Masten in den matten Silberhimmel. Und jetzt, wehten nicht auch von der diesseitigen Küste undeutliche Stimmen herauf? In den feuchten Sand hatte sich eine Snyke, ein großes, weitgebuchtetes Boot, eingebohrt, und Linda, die sich noch immer an ihren Zweig klammerte, fing auf, wie dort von winzigen schwarzen Gestalten allerlei Vorrat über die Planken verladen wurde. Oh, jetzt wußte sie es, dies Besitztum dort unten war ihr eigenes Gut, das vergewaltigt wurde, ebenso wie es ihr selbst geschehen, und auf dem Schiff dort hinten thronte ihr Vernichter und spann seine umwälzenden Pläne. Willenlos ließ sie die Gerte fahren, strich sich die Haare aus der Stirn und lehnte sich mit einem tiefen Aufatmen zurück, als wenn sie auf unbegreifliche Weise einen Arm gefunden hätte, der ihr eine Stütze gewähren müsse. Was war ihr denn nur in diesem flüchtigen Augenblick widerfahren? Welch seltsame, überlegene Ruhe strömte in sie über? Woher plötzlich diese Wandlung, die ein und dasselbe Wesen so völlig teilte, daß das Jetzt das Vorher nicht mehr begriff? Unwillkürlich beugte Linda sich herab, um angestrengt zu spähen, ob dort unter ihr nicht doch etwas verschlungen worden sei, was sie kurz vorher noch im Übermaß seelischer Zerrüttung vor dem Morgen verstecken wollte. Jetzt stieg der rote Triumphzug herauf, schlug breite Brücken über das Meer bis zu dem fernen Schiff, und aus dem Wind rauschte eine aufreizende Stimme. Die sprach:
»Was stehst du und fürchtest dich? Wandle über mich fort, denn dort ist dein Weg.«
Entschlossen richtete sich die Verlassene empor, mit einer Entschiedenheit, die ihr früher niemals eigen gewesen, und sah erstaunt, fast gierig in den sich weitenden und breitenden Tag. Trotz der roten Verklärung zeichneten sich Nähe und Ferne in glasheller Klarheit ab; die blau und rot geschichteten Linien des Horizontes, die schwarze Wölbung des Schiffes, das steile Ragen seiner Masten, das kurze Schwellen der schaumlosen Wogen, das Erschauern der Fläche unter dem Wind, das schräge Schießen einer Möwenschar, alles erfüllte sich mit Licht und Wahrheit, es verkündete sich so wirklich und voll Absicht, daß die Zeugin jener Dinge bestürzt und beinahe hungrig diese klare, fernsichtige, hüllenlose Welt an sich zog. So hatte sie es nie geschaut. Und dabei versank ihr das nächste. Sie selbst entglitt sich. Das, was sie gewesen, war zertreten. Ob jene Vernichtung berechtigt, schlimm oder gut schien, darüber grübelte sie nicht länger. Was lag wohl daran, ob ein einzelner in dieser kämpfenden Welt rein oder besudelt einherging? Ob er heute Fürstenschmuck oder morgen Lumpen trug? Und ob derjenige, der dies alles gewollt und verschuldet, als ein Elender, Verstoßener gebrandmarkt oder als sieghafter Empörer dafür gefeiert wurde? Was lag an diesem oder jenem, mochte er noch so fürchterlich wüten? Aber – und die Erkenntnis einer neuen, sie völlig überwältigenden Offenbarung leuchtete in die fernsten Winkel ihrer wie von Spinnweben sich befreienden Seele – hilf Himmel, dort hinten das gewaltige Schiff führte ja eine köstliche, noch nie an die Welt verschenkte Ladung! Linda mußte sich wieder an das Tollkirschengestrüpp lehnen, denn ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ein sehnsüchtiges Verlangen überglänzte ihr totenblasses, vernichtetes Antlitz. Wie war denn das? Das Schiff schwamm ja nicht allein auf den Wassern, es durchsegelte die Luft und fuhr durch Städte, Dörfer und Geister, weil es von dem Herzblut der Armen und Verlassenen getragen wurde. Es war eine Erlöserbarke und verschloß den Gedanken eines Menschengottes, gewoben aus Mitleid und Kraft. Hilf Himmel! Die Erde mußte bald auftauchen aus der Sündflut ewigen Jammers, der Unsegen und die Ungerechtigkeit vertrieben werden, aus Haßerfüllten und Mordgierigen sollten die sanften Triebe wieder aufblühen, die der Ewige im Anfang in sie gepflanzt, und um alles Lebende sich ein weiches, goldglitzerndes Band schlingen, das Herz an Herzen schloß.
Wer es auch verkündete, der Wille war überirdisch. Er blendete ihr die Augen. Diesem Gedanken war sie geopfert worden, als die Angehörige einer Versippung, die ihn nicht mehr fassen konnte, doch deshalb gehörte sie auch jenem Gedanken. Er war das einzige Besitztum, das ihr geblieben, und darum durfte sie nicht untergehen, bevor sie nicht einen Strahl der Erfüllung aufgefangen.