»Viel Ehre, wahrhaftig.« Der untersetzte Kerl vollführte eine spaßhafte Verneigung, dann zwinkerte er noch unverschämter mit seinen verschwollenen Augen, winkte jedoch mit beiden Fäusten seine höhnenden Gefährten zur Ruhe. »Halt's Maul, Gesindel. Siehst du nicht, daß ein fürnehmer Junker sich zu uns herabläßt? Eia, welch feines Tuch und welch ein geschorenes Krägelchen!« Er leckte sich die wulstigen Lippen und schlürfte vor Wonne. »Potz Belten, und wie gerade und voll sich die hübschen Beine runden! Traun', wer möchte sich nicht solch einen holden Schatz zum Freund wünschen?«
Spürend, tapsig ließ er die Hand an der Weiche des jungen Dänen herabgleiten und begriff es wohl selbst kaum, wieso ihn ein verzweifelter Stoß dieser kleinen, kraftlosen Jungenhand so überraschend zurückschleuderte. Aber während der Ungeschickte unter dem schadenfrohen Gewieher seiner Gesellen bis an den Bordrand stolperte, wo er endlich einen Halt fand, wirkte der versteinerte Ernst in den Zügen des Knaben doch so wunderlich auf den Seemann ein, daß er mürrisch von seinen unangebrachten Scherzen abließ.
»Weißt du auch, Milchbart,« brummte er warnend, wobei sein Blick noch einmal die weichen Formen des Fremden betastete, »was geschieht, wenn du keine Gnade bei uns findest? Dann wirst du kopfüber ins Meer gestürzt. Denn nur die Stummen halten reinen Mund.«
»Das schreckt mich nicht,« entgegnete der Däne mit einer seltsam bangen Stimme. »Ich habe keinen Namen, keine Heimat und keine Ehre.«
Der Bootsmann fuhr auf, um ihn herum waren die Leute still geworden.
»Steig ein,« murmelte er nachdenklich, »dann gehörst du vielleicht zu uns. Solchen Burschen haben wir schon geholfen.« Hilfreich bot er dem Knaben die Hand, wenige Augenblicke später knirschte das Boot in die Fluten hinaus, hinter seinem Kiel schrumpfte die menschenleere Küste, und nur das ausgeplünderte Kastell hob sich schärfer über die Gegend, als wenn es aus seiner Starrheit erwache, um ein rächendes Leben zu gewinnen.
Unter dem mächtigen Kriegsaufbau am Heck stiegen sie eine breite Treppe hinunter. Dann hob sich ihnen eine eisenbeschlagene Tür entgegen, und davor stand ein bärtiger Matrose, den Spieß aufgerichtet, die Linke auf ein kurzes Schwert gestützt. Er hielt die Wacht.
»Laß das Bürschlein ein, Tielo,« vermittelte der Bootsmann, der hier zögerte. »Mich dünkt, Claus kennt es schon,« wollte er zweideutig hinzusetzen, aber von einem dieser erdenfernen, unglücklichen Blicke getroffen, verbesserte er sich und polterte ungeduldig heraus: »Laß es ein. Es wird Claus Spaß machen. Geh, Bürschlein.«
Vorsichtig öffnete er die Flügel nach innen, der Tag schwand zurück, und eine bläuliche Dämmerung empfing die Eintretende in dem tiefen, langgestreckten Raum. Beruhigtes, sattes Morgenlicht floß durch zwei kreisrunde Löcher, deren Bretterverschläge zurückgezogen waren, und die blaue Abspiegelung der See verlieh dem teppichbelegten, fürstlich geschmückten Saal etwas Kühles und Fröstelndes. Aber es war nicht diese Wahrnehmung allein, die dem blonden Weibe in Knabentracht, das doch von ihrem Dämon unerbittlich hierher getrieben worden war, das Herz erstarren ließ, nein, als es nicht weit von sich, dicht unter der einen Fensteröffnung, einen überlebensgroßen Mann auf seinem Ruhebett lagern sah, den Frevler, der es hartherzig zertrümmert hatte, da bäumte sich sein besudeltes Magdtum in seiner ganzen Qual und Zerrissenheit auf, Leichenblässe bedeckte es, und wie ein schwerer Stein brach es in die Knie, um starr und sprachlos liegen zu bleiben. Im selben Augenblick wurde jedoch auch der Ruhende durch den dumpfen Fall aufgeschreckt. Unwillig über die Störung wandte er seine Aufmerksamkeit von einer in rohen Strichen gezeichneten Seekarte ab, die ihm gegenüber an der Wand angebracht war. Aber kaum hatte er sich halb emporgerichtet, da krampfte er in jähem Erkennen eines der Kissen zusammen und eine hitzige Welle spritzte ihm ins Antlitz. Das Bild des knienden Wesens offenbarte sich ihm so überraschend und unglaubwürdig, es warf ihm seinen eigenen Frevel so wild ins Antlitz, daß er zuvörderst seine herrische Sicherheit einbüßte, und ein widerspruchsvoller Grimm gegen die Mahnerin seine Brauen zusammenschnürte.