»Gut, gut,« endigte er, »das ist Männerwerk. Warte meinethalben. Aber jetzt komm, Kleiner, damit du etwas verrichtest, was dir besser ziemt.«

Wuchtig warf er sich auf sein Ruhebett, riß das Hemd über seiner Brust auseinander und drückte die Ränder der frisch empfangenen Wunde ohne große Umstände fest aneinander.

»Mutig, Licinius,« rief er, »scheure den Unrat fort. Auf euren Burgen übt ihr ja die heimliche Kunst. Nun zeig, was du gelernt hast.«

Und der Knabe fuhr auf, als ob er zu Fest und Feiertag gerufen wäre. Glühend vor Diensteifer stürzte er davon, kehrte jedoch gleich darauf mit einer Schüssel voll kalten Wassers zurück, und als er dann, über den Hingestreckten gebeugt, in seiner Hast einen brauchbaren Linnenstreifen vermißte, öffnete er ohne Bedenken sein Wams und riß von seinem eigenen Hemd entschlossen einen langen Fetzen herab. Seidig leuchtete die Frauenbrust unter der dunklen Gewandung, und in den Augen des Störtebeckers entzündete sich blitzartig jenes züngelnde Feuer, das schon einmal in der Nacht des Niederbruchs über ihr geleuchtet. Ungestüm griff er nach beiden Armen seines Opfers, aber siehe da – als das schmerzliche Stöhnen der Gefesselten an sein Ohr schlug, da lief ein düsterer Schein der Selbstverachtung über seine gespannten Züge, freiwillig gab er die Gepackte frei, und nun stöhnte er selbst auf und warf sich gebändigt zurück.

»Bleib, bleib,« murmelte er, »vertrag dich mit dem bösen Geist, der in mir haust. Beim ewigen Leid, ich wünschte manchmal selbst, es flösse Milch durch meine Röhren und ich hätte gelernt, weiße Lämmer zu weiden. Bleib, ich tu dir fürder nichts.« Er streckte sich aus, schloß die Augen und wartete scheinbar unbeteiligt ab, bis Licinius mit zitternder Hand sein mildherzig Werk vollendet. Erst da er spürte, wie eine Decke wärmend über ihn gebreitet wurde, fuhr er auf und schob die Hülle entschieden zurück. Schonend strich er sodann über die Locken seines Gefährten. »Armer Bursch,« sagte er gutmütig, »armer Bursch, ich wollte, wir wären auf andere Art Freunde geworden.« Und als er gewahrte, welche Blässe seinen Pfleger befiel, versetzte er ihm einen spöttischen Schlag auf die Wange und rief ermunternd: »Laß gut sein, Licinius. Dem Tier sind ein paar Unzen Blut abgezapft, jetzt beißt es für eine Weile nicht und geht nicht auf Raub. Lache, lache, mein Knäblein, dann aber bring eiligst den Weinkrug und laß uns trinken!«

[II.]

Bis dahin hatte die »Agile« allein das blaue Feld der Ostersee gepflügt, einzig gefolgt von dem »Connetable«, der von den Schuimern besetzt worden war. In den letzten Tagen jedoch tauchten von allen Seiten Schwarzflaggen auf, allmählich wurde ein dichter Schwarm daraus, der sich gleich einem langen Starzug um die Admiralskogge zusammenschloß. Je stattlicher aber sich seine Flotte verstärkte, je zahlreicher spitze Pfeifentriller oder emporschießende Wimpel die sich einordnenden Genossen begrüßten, eine desto auffälligere Unruhe zeigte der Mann, auf dessen Wink all diese Kiele ihrem Ziel zustrebten. Innere Rastlosigkeit trieb den Störtebecker umher. Bald mußte ihm Licinius, den er jetzt ebensooft herbeirief, wie er ihn früher verjagt hatte, beim Schachspiel in der Kajüte Gesellschaft leisten, bald zog er den Knaben, nachdem er die Figuren mitten im Kampf ungeduldig durcheinander geworfen, auf das Deck hinauf, wo er weit vorn am Bugspriet durch Nacht und Morgennebel hindurchspähte, ob die gotländische Küste sich noch immer nicht vom Horizont trennen wollte. Wisby, die sagenhaft herrliche Stadt, jetzt durch Raub und rohe Volkswut ein menschenleerer Trümmerhaufe, schien den Einsamen auf zauberische Weise anzulocken. Vielleicht weil ihn die Ahnung quälte, daß ihn dort das Schicksal mit fesselnden Armen umschlingen würde. Verschwenderisch hatte er bis jetzt mit Gold und Schätzen jeden Lumpen beworfen, der sich seinem Trotz als ein besonders Gemißhandelter vorzustellen vermochte, jetzt aber nahte die Stunde, wo er mehr austeilen sollte. Sein Eigenstes. Die Summe seiner heimlich geliebkosten Gedanken. Und dann die Unsicherheit! Wie, wenn das zusammengelaufene Volk, das ihm diente, Verbrecher, Diebe und Mörder, Juden und Heiden, Polen, Deutsche, Franzosen und Engländer, die kein anderes Vaterland kannten als die Planken zu ihren Füßen, zumal wenn die Segel sie möglichst weit von Rad und Galgen entfernten, wie, wenn diese raubsüchtigen, verwilderten Horden das Unrecht, durch das sie zu einem namenlosen Menschenbrei zerstampft waren, dennoch weit weniger schmerzlich empfanden als ihr Anführer, in dem ihre menschliche Schmach wie eine Eiterwunde fraß? Konnte in solchen, von allem Herkömmlichen getrennten Gesellen die Gier nach Genuß und Ungebundenheit nicht heißer lodern als die Freude an der Möglichkeit, jene Welt, die sie verstoßen, durch ein nie geschautes Beispiel zu beschämen? Was geschah, wenn sich der Haufe schon zu roh und verwöhnt zeigte, um zu einer regelmäßigen Arbeit zurückzukehren? Zwang? Das war nicht das Rechte! Dazu hatte ihn in seinen Träumen schon zu häufig der Jubel umbrandet, den allein die Verkündung, die Preisgabe seiner weltverändernden Pläne in den Beschenkten entfesseln sollte! Wie stand es nun in Wirklichkeit um die neuen Römer, mit denen die reingewaschene Erde besiedelt werden mußte? Der höhnische Einwurf der Königin fiel ihm ein: »Und mit einer Bande von Räubern und Dieben willst du die ewige Gerechtigkeit begründen?« Und während er auf der Seekarte zum hundertsten Male den Ankerplatz von Wisby aufsuchte, klopfte ihm das Herz vor Verwunderung, daß er bis jetzt nur sich selbst, das Haupt des hellen Gedankens, gesehen, indes ihm die Glieder, die doch das Gedachte erleben sollten, in einem gleichgültigen Dunkel verschwanden. Was brütete die Masse? Und weshalb hielt er sie von sich fern?

»He, Licinius,« unterbrach er in einem solchen Augenblick des Erschreckens seinen Gefährten, der ihm bis jetzt unbeachtet und folgsam aus dem Petrarca vorgelesen, »in die Ecke mit der Eselshaut! Der Tagedieb von Italiener ist ein Narr, weil er die Weiber beschnüffelt, nur der Mann ist die lebendige Erde. Komm, du unbelehrtes Kind, damit ich dir eine Handvoll unserer künftigen Werkleute zeige.«

Hastig griff er dem Knaben unter den Arm, zog ihn widerstandslos die breite Treppe hinauf, und was er sich nur selten abgewonnen, er mischte sich unter sein Schiffsvolk, redete es leutselig an und begann, die Betroffenen nach Vergangenheit und Heimat zu befragen. Alles unter dem Vorwand, seinen zarten Gefährten unterrichten zu müssen. Da öffnete sich denn manches Schicksal bis zum Grund. Mit bangem Schauder sah der Knabe, wie sich hier Sünde und Gegensünde zum Knäuel verstrickten.