Da war zuerst der Steuermann Lüdecke Roloff. Ein herkulischer Mann mit einem blonden Strohdach, das ihm wirr über die Augen hing. Aber auch so irrte der Blick des Schiffslenkers scheu und schielend zur Seite, als widere ihn das Antlitz jedes Mitgeschöpfes an, und nur in den Stunden vor Kampf und Streit taten sich diese verkehrten Sterne lechzend auf, und ein Blutreifen umschloß sie, gleich dem eines tobsüchtigen Hundes. Der Mann hatte in seiner mecklenburgischen Heimat tanzen müssen. Tanzen? Jawohl, nicht freiwillig. Es bestand nämlich auf dem flachen Lande die ehrbare und fromme Sitte, sobald die Gutsfrau ihren Leib gesegnet fühlte, dann mußten die leibeigenen Bauern zu ihrer Ergötzung um den Dorfteich tanzen. Die Weiber rutschten auf bloßen Knien, die Männer aber tollten und sprangen halb nackt mit ihrem Nachwuchs an der Hand, ohne Rast, ohne Aufhören, bis sich ihnen ein Quirl im Gehirn drehte. Lüdecke Roloff jedoch war ein Spielverderber. Als er sah, wie sein Weib bei dieser Belustigung ohnmächtig liegen blieb und Marik, sein Töchterchen, unter Zuckungen in den Teich fiel, da hatte der rasende Tänzer die adlige Zuschauerin erwürgt und dem Gutsherrn seinen Dolch durchs Genick gestoßen. Am selben Abend gab's zu dem Tanz überdies noch ein Feuerwerk, das Schloß brannte ab. Seitdem war dem Flüchtling ein bös Erbteil geblieben. Wenn irgendwo die Stunde zu Kampf und Rache schlug, dann mußte Lüdecke tanzen. Hopsend und springend drehte sich der Wütende in den Streit, und in dem wahnsinnigen Reigen fiel er seine Opfer noch immer mit bloßen Fäusten an, um sie brüllend zu erwürgen.

Als Linda jene Geschichte hörte, bedeckte sich ihr die heitere See mit Nacht, Claus Störtebecker aber strich sich die Haare aus der Stirn, denn er wußte nicht, ob er des Mannes sicher sei.

Da war der schmächtige Arnold Frowein ein ganz anderer Kerl. Immer grinsend, immer lächelnd, was vielleicht daher rührte, weil ihm das geistliche Gericht auf dem Streckbett einmal alle Zähne gezogen, immer einen um den anderen. Weshalb wollte der verstockte Rechthaber aber auch nicht eingestehen, was er über die Besuche Urians bei seinem Weibe wußte? Die Nachbarinnen hatten doch nicht umsonst eines Morgens den ungeheuren schwarzen Kater auf dem Bette seiner Lisbeth schlafend gefunden? Und anders ließ es sich auch nicht erklären, warum ein armer Töpfer zu einigem Wohlstand gelangte, und wieso in den bleichen Milchwangen der Dirn nie ein lebendiger Blutstropfen gerollt. Aber schließlich hatte das Recht triumphiert. Punkt für Punkt stand es bezeugt in den geistlichen Akten, wie oft Meister Urian knisternd aufs Bett gesprungen, und nicht minder war entdeckt, in welcher Art er seine Wollust befriedigt. Es war alles wissenschaftlich begründet! Und nur eines blieb merkwürdig. In Meister Frowein mußte sich selbst etwas Katzenhaftes eingeschlichen haben. Gar zu biegsam schlich er an den Wänden entlang, immer schnurrend, immer schmeichelnd, und es war wohl nur ein Gerücht, daß er im Gefecht mitunter aus geduckter Stellung einen Satz tat, um dem Gegner mit zahnlosem Maul an den Hals zu fahren.

Ungeduldiger, rastloser rührte der Admiral in dem Menschenbrei herum. Er suchte. Er fahndete nach Bürgertugend und Bürgersehnsucht! Wie tief lagen diese so selbstverständlichen Dinge wohl versteckt?

Der nächste!

Ein himmelblauäugiger, rotmähniger, wüster Bursche, denn obwohl sich Patrik O'Shallo in den weichen Urlauten der »grünen Irin« ausdrückte, so war er doch gefürchtet als streitsüchtiger Zänker, aber noch mehr verschrien als Anführer bei jeder maßlosen Ausschweifung. Weiber, Würfelspiel, Rauferei und Beute waren die vier Stichworte seines rasenden Verbrausens. Und doch mutete es seine Genossen manchmal wunderlich an, wenn dieser nimmersatte Schlemmer zuweilen, wie aus fernem, vergessenem Traum, fremdartige Psalmen vor sich hinmurmelte. Sie wußten nicht, daß Patrik O'Shallo, das ledige Kind einer begüterten Wollweberstochter aus Dublin, von erschreckten Verwandten frühzeitig in die Zelle eines der Irinsklöster gesteckt worden war, damit er durch Hunger und Geißelungen die heimliche Verfehlung seiner Mutter abbüße. Eines Tages aber, als er gerade vom Fluß für die Küche Holz schleppen sollte, hatte eine Flößerin den Buben in ihre schwimmende Strohschütte kriechen lassen, und seitdem wußte das abgezehrte Gebein, wie hell der Tag schimmern und wie betörend ein Frauenleib strotzen konnte. Heißa, jetzt fraß er die Sonne und soff die Weiber, und seine größte Belustigung bestand darin, Nonnenklöster wie Vogelnester auszunehmen, und die in die Kirche zusammengetriebenen Schwestern nach allerlei Wollust zu unflätigen Liedern zu zwingen. Auch diesen nimmermüden Gläubiger des Genusses musterte der Admiral mit bedenklichem Kopfschütteln, und ein zweifelhaftes Lächeln mischte sich in seinen herablassenden Gruß, als er sich von ihm trennte.

»Da, Licinius, betrachte dir zum Schluß die Krummnase genau. Womöglich haben seine Vorfahren schon mit dem Heiland um Säge und Hobel gefeilscht. Sahst du jemals solche verzweifelten Hebräeraugen?«

Der Admiral hätte noch hinzufügen können, daß der Jude ein alter Bekannter von ihm sei. Denn der graulockige Isaak war derselbe unglückliche Verfolgte, den er als Knabe im Hause der Sibba aus den Händen abergläubischer Bauern befreit. Jetzt war der immer in sich gekehrte, demütige Menschenscherben der grausamste, unerbittlichste Würger unter dem Schiffsvolk geworden. Zum Zeichen seines sich immer neu gebärenden Rachegelüstes hatte er den gelben Judenfleck auf das Schifferwams genäht, und je mehr ihn die Freibeuter darob verhöhnten, desto zärtlicher streichelte Isaak oft den Schandfleck. Aber in dem Hebräer lebte auch eine unheimliche, vergötternde Liebe. Sobald der Admiral in seine Nähe kam, dann begannen die schwarzen Augen Isaaks die alte, tausendjährige Sehnsucht zu strahlen. Er glaubte. Er glaubte unverbrüchlich an den Messias, der die stinkende Erde von Verfolgung und Menschenhaß erlösen würde. Und nach den Sagen seines Stammes würde der Gesandte Jehovas kein Lämmlein und kein Schriftgelehrter sein, sondern ein Gerüsteter, in dessen Rechter ein goldenes Schwert über die Erde funkelte. Wer war's? Claus Störtebecker war's, der Schimmernde, Überlebensgroße, der Liebreiche und Befreier, er war es. Kein Zweifel! Der alte Jude stand als der einzige auf den Planken, der das neue Reich im Herzen trug.

Am Abend desselben Tages lag der Admiral in seiner Kajüte und zechte singend und lachend den italienischen Wein, auf dessen Flut es wie von Glühkäfern schwärmte. Auch auf Deck schwirrte und jauchzte es, dort grölten die Freibeuter zum Klang der Instrumente ihre wilden Lieder, denn es war eine laue, windstille Nacht, und die »Agile« plätscherte kaum noch ihren Pfad.

»Horch,« warf sich der Störtebecker zu dem Knaben herum, der müde und schon vom Schlaf bezwungen den Unmäßigen bediente. »Ermuntere dich, Büblein. Du mußt lernen, die Nacht zum Tage zu kehren. Auf, flüstere mir ins Ohr, mein Blasser, wie gefallen dir meine Kinder? Meinst du nicht, es seien Hengste, die sich gerade nur vom Teufel reiten lassen?«