‘Dies geschehe,’ sprach der andere kalt und wandte sich.

So wären die beiden alten Genossen schier unversöhnt voneinander geschieden, wenn nicht der Störtebecker dem Michael mit einem Sprung nachgesetzt wäre, gerade, als jener die Treppe erreichte. Aber auch der Michael kehrte zu gleicher Zeit um und streckte meinem Herrn beide Hände entgegen.

‘Bruder,’ rief der Störtebecker in einem Ton, wie ich es bis dahin noch nie von ihm gehört. Auch dem anderen schien das Wort durch und durch zu gehen, denn er führte die Hände des Freundes gegen seine Brust und sah ihn lange an. Dann sprach er:

‘Claus, seit du als Halbflügger zu mir kamst, hast du ein reiner Licht über mein Handwerk fallen lassen als je vorher. Das will ich dir nimmer vergessen. Darum kann ich auch in der Ferne nicht aufhören, auf dich zu achten. Geht es dir aber übel, so sende mir unsere Schwarzflagge und hänge deinen Siegelring daran. Daraufhin will ich meinen Kopf für dich wagen, wie bis auf diesen Tag. Und nun frisch, Claus, tue, was dein Herz dich lehrt und was ich nicht mit dir tun kann.’

Darauf umarmten sich die beiden Männer und gingen auseinander. – – – «

Hier schloß der Admiral das Buch, löste sich ein wenig von der Wand des Aufbaus, und sein Blick glitt abgekehrt zu der Kielfurche hinunter, die sich wirbelnd in der Weite verlor. Die Bilder aber, die sein Schreiber entrollt, gaben ihn noch nicht frei, sie fingen ihn vielmehr in einen dichtbevölkerten Käfig ein, aus dem es kein Entspringen gab.

Nein, das nicht! Was sollte der Verkehr mit Schatten? Gewaltsam schüttelte sich der Entrückte, um, wie zur Rettung, abermals nach der Tafel zu greifen. Siehe da! Waren da nicht in kleinerer Schrift ein paar Zeilen eines Nachtrags hingesetzt? Claus beugte sich, um sie zu entziffern. Und während des Ausdeutens kam dem Lesenden der Argwohn, als habe der Schreiber absichtlich seine Zeichen krauser und undeutlicher gehalten als bisher. Da stand:

»Dies schreibe ich für mich allein!

Als der Michael gegangen war, da stand mein Herr aus Stein gehauen, als wäre er aus der Welt ausgestoßen und verbannt. Aber dem war nicht so! Wer ihn recht betrachtete, der merkte wohl, daß ihm während dieses ganzen Streites ein weißes Licht auf der Stirn geleuchtet, so daß man hätte vor ihm niederknien mögen, um ihn anzurufen: ‘Nimm mich mit dir, wohin du dich auch wendest.’ Deshalb weiß ich, unser Heil ist nur in den Spuren dieses Einen. Denn er sucht das Gute. Und ob es sich auch tief versteckt, es ist nicht aus der Welt. Mögen wir alle es schauen vor unserem Ende!«

Tief aufatmend fügte der Störtebecker die Wachsplatten zusammen, schlang die Bänder um die Holzhülle und reichte Licinius, der sich inzwischen erhoben, die Tafeln zurück. Auf dem engen Raum hinter der Galerie standen sie dicht nebeneinander, ein Ausweichen war nicht möglich. Gern hätte der Knabe erfahren, ob der Admiral mit der Schreibarbeit zufrieden sei, allein dieser hatte sich abgekehrt, so daß seine Gesichtszüge dem Blonden verborgen blieben. Da versuchte Licinius dem Seemann die Hand bescheiden auf den Arm zu legen. Kaum aber spürte dieser den Druck, da fuhr er zum Schrecken seines Gefährten mit einem Sprung herum – dann ein Augenblick des Erstarrens, und in den Blonden schlug es ein, daß dies nicht mehr derselbe sei, der noch soeben höhnisch, ungeduldig, verbittert nach seinem Schicksal ausgespäht. Nein, wild, hingerissen, über alle Grenzen geschleudert, so stand der leuchtende Mensch vor dem Fassungslosen, der solch jähen Wechsel nicht gleich begriff, dann ein selbstverständliches Zupacken, in irrem Schwindel fühlte Linda ihre Glieder emporgeworfen, und dann lag sie wie in einer mächtigen Wiege, und das edle und doch so fürchterliche Antlitz ihres Bezwingers beugte sich nah und näher auf die Zitternde nieder.