»Knabe – Weib – was bist du eigentlich?« jauchzte ihr eine heiße, verzehrende Stimme ins Ohr. »Du Stern, der mir vom Himmel herabfiel, was soll die Vermummung?«

Da sprang über der Hingestreckten das blaue Gewölbe auseinander, Entsetzen und Verzückung stürzten zugleich auf sie herab, voll Schauder warf sie die Hand gegen die sündhaften Augen, allein der erhobene Arm brach kraftlos auf halbem Wege zusammen, und nichts als eine lächelnde Starrheit war dem erschreckten Bedränger preisgegeben.

Als ihn dies gänzliche Verstummen erreichte, da kehrte dem Betroffenen die Besinnung zurück. Eine bittere Verachtung verzerrte plötzlich seinen Mund, schützend packte er seine Last fester, und zum erstenmal warf er einen scheuen Blick um sich, ob auch die Mannschaft nichts von seiner Verlegenheit erkundet. Allein, da hinter dem hohen Aufbau keine Überraschung zu besorgen war, so öffnete der Störtebecker entschlossen die schmale Hinterpforte, und gleich einem Einbrecher schlich er tief gebückt in die große dunkle Kammer. Ein Lichtstreif verriet ihm die Lagerstreu seines Gefährten. Nur Stroh und Schilf sowie eine rauhe Decke dienten hier zu Rast und Schlummer, und eine heimliche, nie empfundene Bedrückung belehrten den Eingedrungenen ganz unerwartet, welcher Dürftigkeit das verwöhnte Geschöpf, das er jetzt so behutsam auf den Armen trug, sich hier habe anpassen müssen. Und weshalb? Weil sie, die Gemißhandelte, unverrückbar und felsenfest an seinen Stern glaubte. Ein heißer, dankbarer Blick streifte das totenähnliche Antlitz, und während er den fühllosen Körper sanft auf die Streu gleiten ließ, da regte sich in dem Prachtliebenden, stets zu jeder Verschwendung Bereiten, ein unzähmbarer Haß gegen die Ärmlichkeit dieses Lagers. Wie? Er selbst wühlte im Golde, und seine Nächsten sollten darben? Das konnte ihm nur Schande eintragen, solches berichteten auch die Lieder keineswegs, die man im Volke von ihm sang.

»Wulf Wulflam,« befahl er eine Weile später, als er über Deck schritt, seinem Bootsmann, »wir haben noch die Schlaftruhe des Bischofs von Strängnäs an Bord. Der Pfaffe faulenzte auf seidenen Kissen und unter einer Purpurdecke. Schnell, schaffe den Plunder zu Licinius in die Kammer! Das Büblein braucht sich die Knie nicht wund zu scheuern.«

Vergnüglich wollte der Schiffer Beifall grinsen, allein ein Blick auf das hochmütige Gesicht seines Herrn ließ es ihm doch geraten erscheinen, lieber die Kappe zu lüften, um sich dann wortlos an seine Arbeit zu trollen. Er wußte aus Erfahrung, wie wenig für Einverständnis und Vertraulichkeit von diesem Seetyrannen in gleicher Münze eingewechselt wurde!


Tag und Nacht war verstrichen, und in seiner Kajüte streifte der Störtebecker ruhelos auf und nieder. Zuweilen hörte man auf Deck, wie unten ein harter Faustschlag gegen die Holzwände dröhnte. Zwiefach harrte der Admiral. Auf die roten Segel, die nicht aus dem Horizont brechen wollten – und ein heftiger Zorn peinigte ihn daneben, weil ihm sein Knabe heute zum erstenmal nicht bei Tisch aufgewartet.

Was sollte das? Auflehnung? Der Gereizte blieb stehen, und ein verständnisloser Blick streifte die lederne Peitsche an der Wand. Er wußte nicht, was er wünschte. Gleich darauf zwar brach er in Hohn über sich selbst aus, und er verspottete sich, weil in dieser unerträglichen Spannung Weiberkram seine Gedanken beeinträchtigen konnte. Angestrengt sann er eine Weile nach und horchte, ob sich kein weicher Tritt melde. Als sich jedoch nichts regte, spritzte ihm die Wut verschärft in die Stirn und doppelt besessen stürzte er an die Schiffsluke, um in ohnmächtiger Verzweiflung über die schwanke Ebene zu spähen. Nichts – nichts – bei den fünf Wunden, nicht der Schatten eines Käfers ließ sich entdecken, und mit schmerzenden Augen taumelte der Unbändige zurück und raufte sich stöhnend das Haar. Zwanzig seiner mächtigsten Schiffe, der Kern der gesamten Schwarzflaggen, sie waren verschollen, er hatte sie unter die Hand eines gewissenlosen Henkersknechtes gegeben, und nun bohrte in ihm die immer spitzere Erkenntnis, daß auf diesen Planken alle Hoffnung der Armen und Elenden verladen war, zu deren Wortführer er sich aufgeworfen. Welch ein Hohngelächter würde rings um die Küsten schallen, wenn man erst erfuhr, daß diese gefürchtete Waffe vielleicht von einem seiner eigenen Genossen gestohlen war? Lähmend stieg ihm die Befürchtung des Gödeke Michael auf, und zu stolz und herrschsüchtig, um den geringsten Vorwurf zu erdulden, begann seine Tobsucht nach irgendeinem Opfer Ausschau zu halten. Warum kroch dieser blonde Tröster nicht wie sonst gleich einem demütigen Hündchen zu seinen Füßen? Das durfte der Herr doch verlangen!? Und wieder haftete sein verwirrter Blick an der Lederpeitsche, und seine Rechte streckte sich krampfgeschüttelt nach ihr aus.

Da – mit einemmal, welch ein singender, langgezogener Ruf aus den Himmeln?

Der Störtebecker schnellte in die Höhe, und so sehr hatten sich alle seine Sinne in eine einzige Erwartung verzogen, daß er die Gestalt nicht unterschied, die jetzt in die taghelle Öffnung der Tür drang.