»Was wollte ich, Licinius?« warnte er, als ob er seinem Gefährten noch bei rechter Zeit zu Einkehr und Besinnung raten möchte. »Was wollte ich?«

Doch Linda war durch das, was vorausgegangen, durch die wilden Liebkosungen ebenso wie durch die Nähe des ersehnten Zieles zu sehr aus ihrer Bahn geschleudert, als daß sie ihr bescheidenes, unauffälliges Wesen nicht völlig verleugnet hätte.

»Herr,« mahnte sie mit einer dringenden, beschwörenden Gebärde, »wozu willst du hier noch länger säumen? Vergiß nicht, o vergiß nicht, daß deine Flotte und die künftigen Ansiedler deiner harren.«

War es die Zurechtweisung, die ihm hier öffentlich erteilt wurde, oder drückte die Gewißheit dem Herrschsüchtigen ihren Stachel tief ins Blut, daß nun auch andere an seine Pläne tasten durften? Rot vor Unmut schleuderte er sich herum, und die Bewegung war so gewaltsam, so rücksichtslos, daß Licinius ohne weiteres aus dem Sattel geworfen wurde. Kaum vermochte sich der Halbbewußtlose noch vor dem Sturz zu bewahren. Aber auch so taumelte er ein paar Schritte über den Grasboden, bis er endlich an Occas Braunem einen Halt fand. Luftberaubt, an allen Gliedern bebend lehnte er sich hier an den Leib des Tieres.

»Bube,« schrie der Störtebecker in einem schrecklichen Ton, und man sah, wie seine Rechte vergeblich die Lederpeitsche suchte, »will das Gesinde seinen eigenen Herrn zu Botengängen heuern? Gleich pack dich und tu selbst, was du so schön beschrieben. Oder, bei allen Furien, ich will dir Beine machen.«

Schon hatte der Gereizte den Striemer gefunden, und nun knallte er ihn, zur Züchtigung entschlossen, so grausam durch die Luft, daß Occa, von einem Schauder ergriffen, sich schützend über den Knaben beugen mußte.

»Laß ab,« wehrte sie dem Ergrimmten, dessen in Brand geratene rollende Augen ihr plötzlich Grauen einflößten, und bezeichnend setzte sie hinzu: »Willst du Wüterich etwa dies zarte Gebein zerfleischen?«

Da hielt der Seefahrer auf halbem Wege inne, aber auch Linda erwachte; einen leeren, weiten, zerrütteten Blick heftete sie auf den Mann, der bisher in einer aufrechten Flamme vor ihr hergezogen, dann schüttelte sie stumm das Haupt. Und wie jemand, der für immer den Weg verloren, stürmte sie mit einemmal über Wiesen und Heide von dannen.

Winziger und unkenntlicher wurde der schießende, schwarze Fleck hinter den ginsterbraunen Erdwellen.

Hätte sie sich nur noch ein einziges Mal umgewandt, sie würde bemerkt haben, wie der Reiter, der sie eben züchtigen wollte, jählings die Faust vorwarf, als könnte er seinen Gefährten mit diesem einen Griff bändigen und wieder an seine Seite zwingen. Allein die Entfernung hatte sich bereits zwischen beide gelegt und verschlang alles. Um die Flüchtende kreiste die Ebene in langen, sich jagenden Streifen. Bald wirbelten Moorgründe auf sie zu, bald tanzten Gräben um sie her, dann hüpften plötzlich wieder Dornbüsche aus dem wild gewordenen Sande, bis schließlich allerhand Wege ihr entgegenstürzten, die sich um die Verirrte stritten.