Nach Stunden erst langte ein bestaubter, zerrissener, kotbedeckter Knabe auf dem großen Schiffe im Hafen an. Hohläugig, zusammenhanglos richtete er den Befehl des Herrn an die Mannschaft aus, dann verkroch er sich unter den Aufbau, und auf dem Prunkbett des Bischofs wälzte sich bald darauf ein krampfgeschüttelter, fiebernder Haufe. Immer von neuem falteten sich ein Paar blutlose Hände, damit sie Gedeihen, Segen, Vollendung auf das Werk herabflehten. Auf das Werk – auf das Werk, das sich von seinem Schöpfer trennen wollte.
Nach mehrstündigem Ritt machten die Broke-Reisigen endlich Rast. Auf den Wunsch ihrer Dame waren sie dem nachfolgenden Paar weit vorausgeritten, so daß sie ihre Herrin sowie deren Begleiter fast aus den Augen verloren. Jetzt tränkten sie ihre Rosse aus einem der flachen Heidebäche.
Die Knechte aber konnten auch deshalb ihre Herrschaft nicht entdecken, weil die beiden, während sie ihre Pferde friedlich grasen ließen, sich in eine der vielen Flugsandgruben gelagert hatten, um nun ebenfalls der Ruhe zu pflegen. Trotz des dürren Bodens war die Senkung über und über mit bunten Wiesenblumen bestanden, und auf dem oberen Rand blühten Ginster und wilder Dorn. Ein verwunschener, heimlicher Platz. Langhin hatte sich der Störtebecker ausgestreckt, wohlig fühlte er unter sich die heiße Erde, und da er stärker atmete, so war es ihm, als sei es ein Leichtes, auch den blauen Himmel in sich einzuschlürfen. Unter halbgeschlossenen Wimpern blinzelte er zu der unweit sitzenden Occa hinüber. Die flocht an einer langen Ringelkette von Marienblumen. Sobald sie jedoch ihre braunen Augen spähend über den scheinbar Ruhenden hinstreifen ließ, dann glitt jedesmal ein spöttisches Lächeln um den herrischen Mund des Riesen, denn seine Ungeduld errechnete bereits den Augenblick, wo seine Wünsche sich erfüllt haben würden. Hier an diesem eigens dazu geschaffenen Fleck mußte das ihn so oft anspringende Fieber gelöscht werden, sonst wäre es ja eine Ruchlosigkeit gewesen, seinen treuen Licin durch Peitschengeknall von seiner Seite getrieben zu haben.
Als ihm der Knabe einfiel, schlug er die schwarzen Augen hartherzig auf, er schüttelte sich, und eine wirre, unklare Rachsucht erfaßte ihn, als wäre der Fall dieser Nahen die schuldige Genugtuung für die andere. Und ohne sich noch durch irgend etwas hemmen zu lassen, richtete er sich auf und schnellte wie eine große Schlange zu seiner Gefährtin hinüber. Verwundert verfolgte die sein Treiben.
»Fürchtest du dich nicht?« forschte er, als er Occa erreicht hatte, und dabei stützte er sich mit beiden Armen über die Zusammensinkende. »Du weißt doch, was man für Lieder von mir singt? Ich spaßte nicht lange mit schönen Frauen, die mir gefallen.«
Die Broke-Tochter regte sich kaum, und während jenes spitzbübische Lächeln ihren Mund verschönte, das ihren Bedränger immer ärger zu Tollheit und Gewalt reizte, da warf sie dem Geneigten lässig ihre Blumenkette um den Hals.
»Gewißlich, du langer Mensch,« sprach sie sorglos zu ihm empor, »mir geschieht nichts von dir.«
Doch der Störtebecker hielt sich nur noch mit Mühe.
»Du möchtest leicht irren,« entgegnete er gepreßt, und es klang wie das dumpfe Murren vor einem Gewitter, »was sollte mich hindern?«