Da wandte die vorausfliehende Occa zum erstenmal ein wenig das Haupt zur Seite.
Im Burghof zu Neß erst kehrte sich seine Führerin unter dem rohen, viereckigen Hauseingang nach ihrem Gaste um.
»Komm,« sagte sie kurz, »damit ich dich leite.«
Leicht strich sie den Staub von ihrem wamsähnlichen Oberrock, dann stieg sie ihm eine dunkle Treppe voran. Sie mußten sich in einem turmartigen Gebäude befinden, denn die Stufen wanden sich im Kreise und wurden immer enger und ausgetretener. Eine faule, stockige Finsternis quoll ihnen entgegen und beschwerte den Atem. In dem Schuimer aber regte sich sicherste Erwartung. Jeden Augenblick meinte er, eine Hand müßte nach der seinen tasten, um dann irgendwo eine Tür aufzustoßen, wo ihm jene Gastfreundschaft beschieden sein würde, auf die er harrte.
Allein seine Sinne spannten sich vergebens. Nach wie vor hörte er die leichten, huschenden Tritte über sich, die Dunkelheit schien sich mit ihnen zu drehen und hauchte eine feuchte Kälte aus.
Aber da endeten die Stufen, ein ebener Gang oder eine Halle mußte erreicht sein, denn plötzlich spürte der Gast seine Führerin dicht neben sich. Wiederum strich sie ihm über das Gesicht und flüsterte:
»Warte!«
Dann entfernten sich ihre Schritte, und der Fremde stand allein, eingeschlungen von dem Rachen der Schwärze. Einen Augenblick lang beschlich den Einsamen das Bedenken, es könnte ihm hier vielleicht von seiner Wirtin eine Falle gestellt worden sein, ja, den zur Tatlosigkeit Verdammten durchzuckte die Ahnung, die wilde, herrliche Jagd nach allem Unerreichbaren möchte womöglich in diesem Moderwinkel ihr Ende gefunden haben. Allein, kaum gedacht, ließ ihn sein unerschöpfliches Vertrauen auf seinen Stern all solche Einwendungen hinter sich schleudern. Und jetzt – nein wahrhaftig – ganz in seiner Nähe, nur gedämpft durch eine verschlossene Tür, fing er ein sonderbares Grunzen auf, wie wenn ein Schwein sich über dem Futtertrog besonders wohl fühlt, und alsbald gesellte sich das feine Gelächter Occas hinzu.
Dem Störtebecker schoß das Blut ins Antlitz. Giftig träufelte ihm sein Jähzorn ein, er selbst böte wahrscheinlich den Anlaß zu dem heimlichen Vergnügen seiner Schönen, er, der gefürchtete Schwarzflaggenherrscher, der als Gefoppter, als demütig Wartender vor der Tür einer Listigen lauerte.