Mit einem Sprung setzte der Maßlose in die Finsternis, und richtig, seine geballte Faust traf dröhnend auf Holz- und Bretterwerk.

»Das sollst du mir bezahlen, du Hexe!« schrie der Gereizte, keuchend vor Wut und unbekümmert darum, wer ihn etwa hören könnte. »Bei den Hörnern des Satans, ich will es dir eintränken.« Das Gewölbe über ihm warf schallend ein Echo zurück.

Da aber stand der Freibeuter geblendet still. Unmerklich war eine niedrige Tür vor ihm aufgeglitten, und der Anblick, der sich ihm jetzt bot, traf den Eindringenden so unerwartet, daß er in jähem Wechsel kaum eine rohe Lachlust bezwang. Wahrlich – und der Störtebecker hieb sich auf die Brust, wie wenn er unbedingt Spuk und Augentrug von sich scheuchen müßte, dort drinnen in dem kreisrunden Turmloch, unter allerlei albernen Geräten und verworrenen Meßtafeln, dazu bestimmt, nach dem Aberwitz der Zeit den Gestirnen ihr Geheimnis zu entlocken, da hockte auf einem niedrigen Dreifuß ein Wulst von Speck und Fetten, der sich eben in seinem weiten grünen Tappert mühselig umwandte. Dies war der Häuptling Luitet van Neß, ein Mann, den selbst seine besten Freunde »das Ferkel« nannten. Fragwürdig blieb nämlich seine Menschengestalt. Kleine, triefende Schlitzäuglein, eine ungeheuerliche, weit vorstrebende Schnauze sowie ein ebenso heftig zurückfallendes Kinn gaben dem kurzbeinigen Fettklumpen tatsächlich etwas vom Borstenvieh. Und es bedurfte für den Beschauer nicht erst seiner grunzenden Stimme sowie der blonden Stacheln auf dem platten Haupt, um die Ähnlichkeit unheimlich zu vervollständigen.

Und dies sollte der Gatte der schönen Occa sein?

Vorgebeugt verharrte der Störtebecker an der Tür, offenen Mundes, mit dem ganzen beleidigenden Unglauben eines von der Natur Beglückten starrte er bald auf dieses Schaubudenwunder hin, bald suchte er von der Goldblonden eine Erklärung zu erhaschen. Als er jedoch auffing, wie das junge Weib dem behaglich Grunzenden die kurzen Borsten kraute, wobei sie hinter dem Rücken des Dicken dem Freibeuter schnippisch zunickte, da löste sich die ungemessene Verstricktheit des Betroffenen endlich in einem langen wilden Gelächter aus. Sogar Herr Luitet, der eben zur Begrüßung heranwatschelte, verfiel in ein beifälliges Grunzen, auch die Burgfrau schloß sich von der großen Heiterkeit nicht aus. Um ihre Lippen aber zuckte es wie jemandem, der sich des Endes bewußt ist.

Kannte sie doch allein den Anfang.

Von ihrer eigenen Mutter, der Quade Fölke, an dieses gemästete Scheusal verkuppelt, sollte die heitere Lebensfreude der Jungfräulichen wohl nach Absicht ihrer Peinigerin möglichst bald in Trübsal und Elend ersticken. Allein diesmal erwiesen sich die Berechnungen der Quade als trügerisch. Da das Ferkel einzig und allein auf der nächtlichen Sternenwiese graste, so stellte es an seine irdische Begleiterin keinerlei Ansprüche, ja, bald geschah es, daß Occa mehrfach am Tage in die Turmzelle ihres Gatten emporsprang, um ihm voller Genugtuung die Wünsche und Verlockungen ihrer junkerlichen Anbeter zu offenbaren. Und während ihre kleine Hand den behaglich Grunzenden puffte oder ihm spöttisch die kurzen Borstenhaare kraute, da konnte man die beiden häufig in ungemessene Heiterkeit über die genasführten Liebhaber ausbrechen hören. Frau Occa hielt sich das Ferkel, wie vornehme Damen ihrer Zeit mancherlei mißgestaltete Kreatur in ihrer Nähe fütterten, und so hatte sich zwischen den Gatten allmählich die beide Teile befriedigende Vertraulichkeit guter Geschwister ausgebildet.

Auch über den Seeräuber mußte dem Klumpen wohl schon vorher eine ausführliche Schilderung hinterbracht sein, denn während er ihn pustend und schnaufend begrüßte, blinzelte er aus den schrägen Schlitzäuglein beinahe mitleidig an dem Riesen in die Höhe. Fast schien es, als ob der Weise seinen ungewöhnlichen Gast bereits im Voraus bedauerte. Dann aber besann sich der Hausherr auf seine dunklen Künste oder vielleicht auch auf das, was man seinem platten Schädel eben erst eingeblasen hatte. Geheimnisvoll wickelte er sich in sein grünes Kleid, um ernsthaft das Haupt zu schütteln.

»Du überschreitest das Maß,« vertraute er endlich seinem Besucher an. Witternd und feucht zitterte dabei sein Rüssel.

»Getroffen,« nickte der Störtebecker, der sich noch immer nicht fassen konnte, wobei er allerdings mehr die Burgherrin als den Klumpen im Auge behielt, »ich messe sieben Schuh.«