Dann suchte der Rastlose, jetzt stets von einer bohrenden Sorge Umhergetriebene, in seinen friesischen Schafpelz vermummt, das Admiralschiff auf, wo seit langem der kleine Wichmann über die spärlichen Wachmannschaften das Kommando führte. Seltsam, dieser zurückgelassene Rest seiner alten Schuimer war der einzig zuverlässige Stamm der einst gefürchteten Freibeutermacht geblieben, und er wurde von dem Zwerg ohne große Worte und wie von selbst in scharfer Manneszucht gehalten. Über den Störtebecker kam während solcher Wahrnehmung häufig ein bitteres Wundern. Was geschah hier? Das gewohnte Handwerk, das nachdenkenlose Unterwerfen unter ein eisernes Gesetz, das keine Gnade kannte und den Willen der einzelnen ausschaltete, es schmiedete diese Menschen zu einem brauchbaren Werkzeug, es erfüllte sie sogar mit einem ausgeprägten Stolz auf ihren Beruf, während die anderen, die Befreiten, die Glücklichen – – –?

Unmutig, verängstigt schüttelte sich der Riese. Er stäubte sich natürlich nur die Schneeflocken ab, und doch blickte er sich, während er über die breite Schiffstreppe stieg, mißtrauisch um, ob auch kein Späher beobachtete, was er sonst noch etwa von sich abzuschleudern strebte.

Durch die hohen Fensterluken der »Agile« träumte ein weißer Widerschein der umlagernden Schneemassen. Dadurch empfingen auch die Wirkereien an den Wänden ein geisterhaft schwebendes Leben. Mitten in dem Prunk dieses fürstlichen Raumes lag der kleine Wichmann auf einem Ruhepolster und ließ bei dem bekannten federnden Tritt seines Zöglings ein paar mächtig geschnitzte Holzdeckel sinken. Es war eine Abschrift des Seneka, auch ein Beutestück aus der Reisebibliothek des Bischofs von Strängnäs. Eine Weile musterte der Zwerg den hochgewachsenen Besuch, sich langsam aufrichtend, mit seinen zwiefarbigen Augen, denn der andere schaute sich in dem wohlbekannten Saale so heimgekehrt, so besitztrunken um, als ob diese farbenfrohe Schöpfung ihm eben erst aus Wunsch und Willen entsprungen wäre.

»Nun, alle neun Musen küssen dich, Magister,« so grüßte der Riese, durch den Anblick erwärmt, seinen ehemaligen Lehrer und schleuderte während des Auf- und Niederschreitens den unbequemen Schafpelz auf den Laternentisch. »He, sag an, du auserwählter Genießer, wie nistet sich's in meinem Nest, unter meinen Büchern und bei meinem Wein?«

Der Kleine dehnte sich behaglich und verschränkte die Hände über dem leicht ergrauten Haar.

»Ich bin es gewohnt, auf anderer Kosten zu leben,« versetzte er, indem er seelenruhig die Täfelung der Decke studierte, »nur fehlt mir hier, was auch die Nächte zum Kampf und die Tage vergnüglich und eilfertig macht.«

Es war die alte leichtblütige Weise, die sonst aus dem Lebenssturm des Störtebeckers gewiß Bündel von Blitz und Funken geweckt hätte. Heute aber zuckte er hoffärtig die Achseln. Und da er gerade vor der Pfanne mit brennendem Torf hielt, durch die der Raum erwärmt wurde, so streckte er die Hände über die Glut und murmelte in sich hinein:

»Speist du noch immer in den Brand und meinst, du wirst ihn löschen? Tor, segne du wenigstens meine Flamme, solange sie noch brennt.«

Noch nie hatte der Kleine von dem fortreitenden Menschen, über dem stets Erfüllung und Vollendung schwebten, einen Zweifel oder gar eine Klage vernommen. Deshalb wurde der Zwerg durch das unvermutet offenbarte Schwanken des selbstsicheren Führers so von Grund aus überrascht, daß er katzenhaft aufschnellte, um nun den Abgewandten in hoher Neugier zu durchdringen. Aber es war nicht die besorgte Teilnahme eines Freundes als weit eher die Spannung eines Alchimisten, der gefesselt und angelockt die Entwicklung seiner eigenen Künste abwartet.

»Ehernes Gefäß des Weltwillens,« sammelte er sich endlich, und seine hohe Knabenstimme tönte so sanft wie je zuvor, »verleugne nicht die wonnigste der Lehren deines Meisters. Was raunst du von Tropfen, wo doch nur ein schwellend Bad die Geister des Homo supra hominem[[*]] erquicken kann? Mich dünkt, ich hätte läuten hören, die schöne Occa wolle dir dies edelste aller Elixiere reichen!?«