In der Gegend der Brokeburg wurde gekämpft. Bei vorschreitendem Winter konnten die Freibeuter in ihren leichten, baufälligen Baracken Frost und Hunger nicht länger ertragen, und da ihre alte Gewohnheit sie auf Raub verwies, so rottete sich eine Schar unter dem hitzigen Iren Patrick O'Shallo zusammen, um den umwohnenden Friesen Mehl, Hühner und Feuerung mit Gewalt abzutrotzen. In einer Winternacht loderte Feuerschein am frostblauen Himmel, Waffen klirrten, das Gekreisch aus dem Schlaf gerissener Weiber mischte sich mit dem Brüllen des Viehs und dem Stöhnen Verwundeter, und erst die rasenden Streiche des halbbekleidet von der Burg herbeieilenden Admirals trieben die Verzweifelten auseinander. Dem wutschäumenden Iren aber hieb der Störtebecker selbst, nachdem er ihn gebunden in den Schloßhof geschafft, besinnungslos mit der Peitsche übers Gesicht, einmal, zweimal, und zwang den Blutenden darauf, seinen Raub bis aufs kleinste herauszugeben.
Allein, damit war der Streitfall, wie er gefürchtet, keineswegs aus der Welt geschafft. Denn als der Riese, aufgewühlt und vom Blutdunst umnebelt, an der Seite seines Licinius die dunklen Treppen hinauftastete, da wurde ihm von einem Knecht bedeutet, die Fölke lade ihn ungesäumt vor sich in den großen Saal.
»Pack dich,« knurrte der Störtebecker gereizt, indem er bedrohlich die Faust gegen den Wäppner stieß. »'s ist Schlafenszeit. Warum schnarcht die alte Hexe nicht?«
Da standen sie bereits vor der doppelt verbohlten Tür, und in einem Anfall höllischer Neugier sprengte sie der Störtebecker vollends auf. Lärmvoll, mit dem Striemer knallend, drang der aufgepeitschte Mann in den dunklen Saal. Nur eine einzige Fackel begann dort eben in ihrem Wandring notdürftig zu glimmen, wobei sie ein paar bläuliche Funken herabstreute. Dadurch ballten sich in dem unrastigen Raum ungeheuerliche Schatten zusammen, zuckten auf und warfen sich, wie in einer Gigantenschlacht, übereinander. Sobald aber der Schein die beiden Sessel auf der Estrade erreichte, dann entdeckte man in einem derselben eine weißgekleidete Frauengestalt, die einen blauen, mit Goldblech besäten Friesenmantel über sich geworfen hatte, um ihre Blöße zu decken.
Es war Occa, die erst seit Stunden bei ihrer Mutter zu Gast weilte und die sich nun mit der von ihr stets gegen den Seefahrer geübten Anmut verneigte.
Da begann dem Aufgeregten das Herz zu klopfen. Die zuckende Nacht, und in ihr das weiße Bild, sie raubten ihm jede Erinnerung an die eben erst verlassene Blutstätte des Aufruhrs.
»Hallo,« – preßte er sich heiser ab, »welche Holde ladet mich zu Zwiesprach? Wer bangt sich in dieser Einsamkeit?«
An der Seitenwand erhob sich ein schlurfendes Geräusch.
»Ich bin es,« polterte die rauhe Männerstimme der Fölke, und nun erst tauchte die graue Habichtsgestalt bei ihrer ruhelosen Wanderung im Fackellicht auf. »Was soll das einfältige Gescherze? Weißt du nicht, daß dein Raubgesindel unsere Verträge bricht? Weißt du nicht, daß es in den Gauen der Allena und Beninga genau so steht? He, Störtebecker, du vergißt wohl, daß ihr vogelfrei seid? Überall an den Küsten lassen die Dänin sowie die Hansen es austrommeln. Du hast dir wohl die Ohren verstopft? Ich werde dich wegjagen, verstehst du mich? – He, wer bist du eigentlich?«
Die Fäuste in die Seiten gestützt, die Beine gespreizt, bald das schweigsame Bild auf dem erhöhten Stuhl, bald den graurot gefiederten Habicht musternd, so hatte der Riese bis dahin hohnvoll gelauscht. Jetzt aber riß er die Fackel aus ihrem Ring, schwang sie um sein Haupt und zerrte sie dann der Fölke bis dicht vor das blutlose Antlitz. Schmerzend begannen der Quade die rotentzündeten Augen zu träufeln, voll ohnmächtigem Grimm hielt sie dem Schuimer stand.