Von Anfang an und besonders seit der Landung in Marienhaven hatte der Störtebecker das verwickelte Werk der Ansiedlung allein und selbstherrlich auf seine mächtigen Schultern geladen. Er kaufte das Land, er zahlte die Summen, und die Güter und Äcker vergab er nach eigenem Gutdünken. Keiner der Waffenbrüder fand sich bereit, auch nur ein Geringes der Lasten mit ihm zu teilen. Unter allerlei fadenscheinigen Ausflüchten – er sei kein Landmann oder das Rechnen laufe ihm zuwider, hatte selbst Heino Wichmann von vornherein sein Verbleiben auf dem Admiralschiff betrieben. Und von den anderen Führern genoß keiner ein genügend Ansehen, als daß ihnen der Riese ein Verständnis für die Möglichkeit neuer Werdestunde zugetraut hätte. Besonders dem fetten Wichbold nicht. Der lag indessen zum Glück, seit ihm der Störtebecker nach dem Brand von Bergen den Schädel so wuchtig zerschlagen, mit dick verbundenem Haupt in der Kajüte der »Goldenen Biene«, und sein Fluchen und Stöhnen quoll häufig widerlich aus dem Bauch des Schiffes hervor. So war es wohl auch nur einer der sprunghaften Einfälle des Zwerges, wenn er dem Störtebecker gelegentlich unter vieldeutigem Grinsen zutrug, man hätte den Kranken zur Nachtzeit auf heimlichen Pfaden über Land streichen sehen.
»Mag er,« pflegte dann der Riese kaltblütig zu entgegnen. »Mag er sich seinen Strick am Lande suchen. Darf meine Hände an dem Eitrigen nicht fürder beschmutzen. Aber du, Heino Wichmann, du,« so schloß der Glühende auch heute seine Werbung, und er streichelte dem Zwerglein brüderlich die langen gelben Haare, »hast einst das verschlossene Hirn des Fischerbuben aufgeriegelt, damit Hochmut und Glanz und dieses rasende Lauschen nach dem gleichen Schlag alles Lebendigen ihren Einzug halten konnten. Und jetzt? – Will mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer dies wollüstige Fieber nicht mitfiebern? Will er, ein Hochgelahrter, den Blinden nicht erklären, was das für ein Licht sei, das jetzt auf ihren Schaufeln brennt? Ja, es auch mir ausdeuten, da es mich manchmal schier verwirrt und blendet?«
Wer hätte diesem von Schönheit und Anmut Gesegneten, dem auch die goldenen Bienen der Beredsamkeit ihren Honig auf die Lippen getragen, wer hätte ihm widerstehen können? Wahrlich, selbst dem Zwerg schien es schwer zu fallen, als er sich jetzt der Umstrickung des anderen geschmeidig entzog. Allein überlegt und abweisend schüttelte er dennoch das Haupt. Dann versetzte er kaltblütig:
»Nein, Büblein, kann dir nichts nützen. Bin ein Lump und bleib ein Lump. Bin halt eine von den Büchermotten, so ihr lebelang um das Wort herumkriechen. Kann's wohl aussinnen, aber von der Zunge bis zur Hand ist's weit. Pfui, und der Schweiß dünkt mich ein gar saurer Saft. Ja, wenn's dir gelingt, Bruderherz, dann will ich einen Panegyricus auf dich dichten, und wenn's dir zerbricht, dann beweise ich dir gleich darauf, wie man's besser hätte machen müssen. Zu was Edlerem tauge ich nicht und gräme mich nicht darüber.«
Es mußte etwas Ergötzliches in dieser schneidenden Selbstbeurteilung liegen, denn um die Lippen des Hörers kräuselte ein beifälliges Lächeln. Ungekränkt erhob sich der Störtebecker, reckte sich und schritt ein paarmal mit seinen weiten entschlossenen Schritten über den Teppich. Plötzlich blitzte es ihm von der Stirn. Er warf sich den Schafpelz um und forschte rasch:
»Erinnerst du dich, Heino, was der Pharao tat, als er die Hebräer fronen ließ?«
»Er bleute ihnen weidlich Rücken und Hinterteil, mein Liebling.«
»Aber aus Schweiß und Blut wuchsen dennoch die Pyramiden. Wir haben sie gesehen. Weht Ewigkeit um ihre Gipfel! In solcher Luft läßt sich's atmen. Will's ähnlich versuchen.«
Er drückte dem Strohblonden krampfhaft die Hand und sprang rasch die Treppe hinauf. Der Kleine aber warf sich aufs Polster, strampelte mit den Füßen und krähte wie ein Hahn.