»Mach fort,« scheuchte sie das allzunahe Phantom und – erwachte. Offenen Auges sann sie dann weiter in die Nebelluft des versunkenen Tages. Dort drüben zwischen den dämmernden Lichtern harrte ihrer jetzt gewiß der Riese, denn hinter seiner Einladung – das wußte sie – lauerte sicherlich der Wunsch, sie endlich in seine Arme zu schließen, um sie zu unterjochen. Niemals hatte er ein Hehl aus seinem brennenden Verlangen gemacht, ebenso wie sie selbst kaum aufgehört, durch ein lässiges Versagen sein Gelüst zu schüren.
Versonnen lächelte die Goldblonde und stützte ihren Arm auf die Mauerplatte. Ein unendliches Wohlgefühl verursachte es ihr, sich dies alles vorzustellen. Ungebrochen war sie noch, und gerade ihre Freiheit sowie die Geschicklichkeit, mit der sie ihr höchstes Gut verteidigte, sie erfüllten sie mit einem herben Stolz. Aber während ihr jetzt die feuchte Seeluft die Wangen kühlte, da begann in ihren Gedanken jener heimlich nagende Ehrgeiz zu schmerzen, den sie von ihrem tollen Vater geerbt, und allerlei weitmaschige Pläne von möglicher Größe und künftiger Herrschaft knüpften das Netz zwischen ihr und dem Entfernten enger. Wenigstens versuchte die Schwankende, sich jenes unerklärliche Treiben und Drängen in ihrem Blut so auszudeuten. Warum sollte sie nicht die Kräfte jenes Unbändigen sich dienstbar machen, der mit Schätzen, Fürstentümern und Kronen so unbesorgt spielte wie sie mit den Huldigungen vernarrter Männer? Warum sollte sie nicht den Fuß auf jene Hand setzen, die sie hoch ins Licht heben wollte? Unermeßlich hoch vielleicht. Draußen in der Welt war man gerade dabei, einen König zwischen Schloß und Mauern verhungern zu lassen. Wohin konnte ein Kühner, den die Goldfäden des Volksliedes schon umspannen, nicht kecken Fußes gelangen? Namentlich wenn ein begehrtes Weib ihm List und Tollheit ins Ohr wisperte? Vielleicht war sie überdies schlau genug, selbst jenen Gewalttätigen noch einmal zu mäßigen. Gerade dieses letzte, dieses ungewisse, gefährliche Spiel reizte, wie sie meinte, ihre Unternehmungslust aufs äußerste.
Ja, sie war entschlossen, und während sie hastig in ihre Schlafkammer eilte, um sich heimlich und einsam anzukleiden, da überfiel sie der ganze, von ihr kaum gekannte Rausch, den ein Weib zu erregen und mitzuteilen vermag. Eine Metallscheibe zeigte ihr ihre Gestalt, und sie genoß dabei die Wonne, ein unsichtbares Schwert um ihre Hüften gegürtet zu tragen, das auf ihren leisesten Wunsch blutige Gesetze schreiben würde.
In diesem Augenblick umfing sie den Fernen und lehnte ihr Haupt an seine Wange.
Sorgsam wählte Occa ihr schönstes rotes Fältelkleid aus Leyden, und als sie es mit geschwinder Hand angelegt, da empfand sie selbst voll Befriedigung, wie der starre Goldschmuck des Gewandes, der sich über ihrer Brust zu einer Art Sonne verdichtete, den Strahlenkranz des Reichtums um sie schloß. Noch einmal spähte sie vorsichtig aus dem offenen Fenster, allein auf dem dunkelfeuchten Burghof war keine Seele zu erspähen, sie hörte nur, wie die Windsbraut von der Linde Wolken dürrer Blätter abtrieb, um darauf mit dem Kehricht tief unten auf den Steinen umherzukichern. Nun galt's!
Hurtig warf sich Occa ihren grünen, gleichfalls über und über mit Goldblechen besäten Mantel um, zog ihn nach der Sitte der Friesinnen über das Haupt und huschte leichten Fußes die Steintreppen hinab. Wie ungewohnt ihr dabei das Herz hämmerte, wie angestrengt ihre Brust atmete, und doch erinnerte sie sich nicht, jemals eine ähnliche Lust gekostet zu haben. Weiter, weiter, damit ihr jenes fremdartig beglückende Sehnen nicht etwa noch zuletzt durch irgendein Hindernis gehemmt würde. Jetzt schlich die dunkle Gestalt bereits über den Hof, nun drückte sie gegen das Pförtlein der Mauer. Gottlob, es war offen. Von der Anhöhe überschaute die Broketochter noch einmal das nächtige Gefilde. Der Meerwind, der über das Flachland pfiff, blähte ihren Mantel, die bunten Lichter der Flotte stiegen auf und ab wie ungeheure gebändigte Leuchtkäfer. Dies war die Sprache, in der der Störtebecker zu den Seinen redete. Aber plötzlich zog ein eigenartig überlegenes Lächeln um den Mund der Flüchtigen, genau so, wie durch die Signale dort unten die Nacht erhellt wurde; wie, wenn der unbeherrschte Mensch, den sie zu versuchen gedachte, sie nicht mehr aus seiner Gewalt entließe, wenn er sie mit sich schleppte? – O Schmach, ihr Stolz litt es nicht, sich solch einen Niederbruch vorzustellen, und der goldene Stirnreif, den ihr das Abenteuer noch eben entgegengereicht, er erblindete sacht in dem feuchten Nebel der Finsternis.
Eben wollte sie ihre Gewandung schürzen, um desto ungestörter wieder den Fahrweg hinaufeilen zu können, da stutzte sie, und im ersten Schrecken stürzte ihr der Mantel vom Haupt. Hilf Himmel, dicht unter ihr knarrte etwas Ungefüges aus der Schwärze hervor, das durchdringende Quietschen trockener Räder meldete sich, und ehe Occa noch den Entschluß fassen konnte, wieder durch das Tor zurückzuschlüpfen, wurde ihr Antlitz von dem Flackerschein einer Fackel übermalt. Ein Knecht trat hinter dem Wagen hervor. Der hielt ebenfalls inne, als er seine geschmückte Herrin gewahrte. Unter dem Leinendach aber grunzte wie in Spuk und Traum jene viehische Stimme, vor der ihre Jugend eben noch voll Widerwillen geschaudert hatte. Stumm, unbeweglich mußte das schöne, fackelbeleuchtete Bild mit ansehen, wie zwei Wäppner die gemästete Rundung des Ferkels von dem Gestell herabhoben, watschelnd kroch das Ungeheuer auf sie zu, dann weidete es sich lange an der Pracht und dem Schmuck der Wegbereiten, während die schmalen Schweinsäuglein fast hämisch dazu glitzerten. Endlich schnaufte der Klumpen so sanft er vermochte:
»Wohin, mein Trautchen?«
»Zum Störtebecker,« brach Occa zornig aus, da sie es verschmähte, vor ihrem Gatten Geheimnisse zu bergen.
»Recht,« nickte der Sternendeuter beifällig, als wenn nicht das geringste an dem Betragen seines Weibes auszusetzen wäre, »dacht ich mir doch, daß ich dich warnen müßte.«