»Mach, daß du fortkommst, du Lappen. Wozu stierst du mich an?«

Da vermochte Claus das kalte Entsetzen, das ihn erfaßt hatte, nicht mehr länger zu zähmen. Unbewußt, ob es aus Mitleid oder aus der Sucht geschah, sich loszukaufen von dem Schuldspruch, der über die Erde gegen ihn gellte, schüttelte der Bursche mit fiebrigen Händen einen Regen von Silber- und Kupfermünzen über die Zottelhaare der Kauernden aus, und so von Grund war der Flüchtling aufgewühlt, daß er beim Durchfliegen des Schenkzimmers sogar dem verschlafenen Querpfeifer den Rest des Geldes wie zur Abwehr gegen den Leib schleuderte. Auch der war ja ein Gepeinigter, der zur Nachtzeit auf den Landstraßen fror und sein Elend aus den fünf Windlöchern herausquirlte. Fort, nur fort von hier, um nie mehr der Wahrheit in ihr grinsendes Antlitz zu schauen. Der Querpfeifer aber sprang hurtig hinter den rollenden Münzen her und wurde stark in der Überzeugung, daß er es hier mit einem vornehmen Schwelger zu schaffen haben müsse. Dankbar raffte der Bucklige sein Instrument an sich und stürzte dem wunderlichen jungen Herrn nach, entschlossen, dem so unvernünftig Davonstürmenden den Weg durch seine Kunst angenehm zu kürzen. Draußen tauchte ab und zu die Gestalt in dem Seehundswams aus den Morgendünsten auf, und der Pfeifer keuchte auf dem abschüssigen Pfad hinterdrein, stolpernd und fallend, während sein Instrument seltsam hohe, zerrissene Töne von sich quiekte. Aber allmählich verlor der Verfolger sein Ziel aus den Augen, und an einer Wegbiegung blieb er stehen, verschnaufte sich und streichelte wohlgefällig sein Querholz, das ihm so hohe Ehren eingetragen.

[VII.]

Der Mond verglomm in seinem feuchtblassen Hof, als Claus aus dem toten Geäst des Sassenwaldes auf die Höhe der Dünen heraustrat. Unten strich ein kräftiger Wind über Strand und Meer, so daß der Dunst hinweggefegt und eine weite Aussicht für den Ankömmling eröffnet wurde. Schwarz und finster wogte die schwellende Fläche vom Rande des Horizontes, und ihre dunklen Hügel wandelten schräg in schwermütigen Reihen der fernen Bucht von Binz entgegen. Dazu glitt von überall her ein nie abreißendes Summen über die Bahn, als ob im Morgengrauen verschlagene Bienenschwärme den Heimweg suchten.

Und doch, dort unten tagte es, und der Spuk der grauen Buchenstämme war überwunden. Endlich! Der Heimgekehrte, Übernächtige wandte sich noch einmal nach dem kalten, nebelhauchenden Gehölz zurück, um ungläubig zu ergründen, ob wirklich all die wirren Gestalten, die ihn bisher begleitet, dort hinten zwischen den triefenden Sträuchern vom Boden eingeschluckt seien. Aber nichts rührte sich mehr, und es war wohl nur seine verzweifelte Erinnerungsgabe, wenn ihm noch immer spitze, halb irrsinnige Töne durchs Gehör schnitten. Es klang wie das Weinen eines geplagten Kindes. Claus schüttelte sich und spritzte die Regentropfen von der Stirn. Dann trat er weiter hinaus, und seine Augen tranken durstig das stille große Bild. »Ja, dort draußen,« murmelte er wunschbeflügelt, »dort draußen!« Die uralte Vorstellung der Küstenbewohner befiel ihn, der silberne Ring, der die bewohnte Erde umgürtete, er besäße auch zugleich die Kraft, alles Ungemach, alles Leid der Sterblichen in Freiheit und Vergessen aufzulösen. Und er wußte noch nicht, daß alle Wasser der Ozeane nicht genügen würden, um die Brandmale zu kühlen, die seine zarte Seele heute nacht empfangen. Der Wind knisterte um ihn wie Fahnenrauschen, und das Meer sang unter ihm sein tausendstimmiges Schlachtlied, das riß den Leichtentflammten fort. Beide Hände warf er empor und schrie zur Antwort hinunter: »Ich will – ich will.« Was er freilich damit in heiliger Entschlossenheit beschwor, wer könnte es angeben? Und doch – es war sein Bündnis mit dem Weltwillen. Und der Weltwille gebiert die Tat. Und die Tat allein ändert das Geschaffene.

In dem unerklärlichen Gefühl der unverdienten Entsühnung schickte er sich zum Abstieg an. Da wurde er noch einmal aus seinen goldigen Wolken herabgerissen. Tief unter ihm, dort, wo zwischen den beiden vorspringenden Hügeln das Häuschen der Mattenflechterin Knuth eingeklemmt lag, dort bewegten sich trotz der frühen Morgenstunde ein paar unerkennbare schwarze Punkte. Es sah aus, als ob hungrige Krähen um einen Bissen Fleisch stritten. Claus stutzte. Das waren doch Menschen? Was suchte das Gezücht dort? Gerade an jener einsamen Stelle? Und in langen Sprüngen setzte der mißtrauisch Gewordene von den Dünen herab. – – –

Fast im gleichen Augenblick trafen sich drei Männer vor der windschiefen Pforte der Mattenflechterkate, die sonst nur für Eingeweihte sichtbar, wie ein großer brauner Pilz zwischen dem Geröll herabhing. Vom Strand aus war es der Vogt, der mit schwerer Faust und lautem Gepolter gegen die Tür schlug, während über den Dünenweg, kaum einen Gedanken später, ein pelzgekleideter Jägersmann mit seinem Knecht um die Ecke der elenden Siedelung bog. Unmittelbar vor dem Eingang stießen sie aufeinander. Überrascht, verdrießlich schob sich der vorderste der Schützen die grüne Schute aus der Stirn und fuhr den Vogt an, als wäre dieser soeben auf einer Überschreitung seiner Befugnisse ertappt worden. Aber zugleich sprühte dem Jäger verräterisch eine Welle der Verlegenheit über die Wangen.

»He, was gibt's?« rief er, durchaus nicht über die Begegnung erfreut.

Langsam zog der Vogt die Lederkappe vom kahlen Schädel.