Gleich darauf stand der Admiral den beiden Frauen gegenüber. Ein Goldschimmer ging von ihm aus, ein Hauch von Jugend und Kühnheit umspielte den Hochaufgerichteten, und in dem dumpfen Gemach verbreitete sich etwas von der Freiheit und Majestät des Meeres. Unwillkürlich verlor die Königin das Gezwungene ihrer angenommenen Herrschergebärde, sie mußte sich jetzt wirklich kräftig auf den Tisch stützen, denn ihr war, als sei noch niemals ein solch Ungebrochener, deutlich von einem sichtbaren Stern Geleiteter vor sie getreten. Wortlos, ohne Zeichen, ohne Gruß fuhr sie fort, ihren Gast, der sie mit seinen braunen Locken weit über ein Haupt überragte, zu betrachten, seinen purpurblauen, von den Hüften an abgeschrägten Waffenrock, die goldgestickten Löwen darauf und den hohen Goldhelm in seiner Rechten, und erst, als sich der Admiral leicht und mit natürlicher Ehrfurcht vor ihr verneigte, gewann ihr breiter Mund das ihm geläufige Lächeln zurück. Halb abwehrend holte sie aus sich heraus:

»Du bist willkommen, Nikolaus Störtebecker.«

Völlig war ihr dabei entglitten, daß sie diesen gefährlichen Freibeuter als Admiral anreden wollte, auch vergaß sie, ihm nach ihrer Absicht gnädig die Hand zu reichen, so rückhaltlos war sie von einem kindlichen Staunen erfüllt. Nur eines bemerkte sie mit den unfehlbaren Sinnen der Frau, daß nämlich ihre Hofdame, die sich nach der Verabredung jetzt entfernen sollte, ungehorsam oder gezwungen mit ihrem weißen, hochmütigen Antlitz an ihrem Platz verharrte. Das blonde Mädchen hatte das schwarze Kreuz fest an ihre Brust gedrückt wie zur Gegenwehr gegen eine böse und sündhafte Macht. Allein auch Margareta hatte noch immer nicht das Bewußtsein ihrer Erdenhoheit zurückerlangt, sondern sie stand befriedigt als Zuschauerin eines nicht alltäglichen Schauspiels.

Inzwischen waren die so ungleichen Frauen auch von dem Admiral gemustert worden. Ein kurzer, scharfer, durchaus nicht verschämter Blick hatte das blonde Fräulein abgeschätzt, der Blick eines Übermütigen, der eine Ware rasch und ohne Umstände einzuhandeln gewohnt ist. Länger und prüfender blieben die dunklen Augen an der Fürstin hängen. Alles ohne knechtische Demut, sondern wie der Träger eines neuen, die Welt verändernden Gesetzes. Als aber die Stille beharrlich anhielt, da regte sich der Seefahrer entschlossen, so daß die langen Sporen an seinen goldgeringelten Schuhen einen scharfen Ton gaben. Ohne Erlaubnis abzuwarten, erteilte er seinen Dienern, die noch unter dem Vorhang harrten, einen gebieterischen Wink. Sofort wurde die noch verhüllte Tafel an eine leere Wand des Zimmers gelehnt. Dann verschwanden die Träger.

»Erhabene Frau,« begann nun der Störtebecker mit einer so hellen, schmeichelnden Wärme, daß es Margareta vorkam, als wenn die umgebende Luft ihren Hals mit weichen Händen zu streicheln anhöbe. Wohlig überließ sich die Frau jenem ungewohnten Schauer, Gräfin Linda jedoch schreckte zusammen, und ihre Züge nahmen plötzlich den Ausdruck einer bestürzten Feindseligkeit an.

»Erhabene Frau,« erklärte der Gast leicht gegen die Tafel weisend, »wer wagte ohne Fürsprach noch Geleit vor eine Fürstin zu treten, die von dem bewundernden Urteil ihrer Zeit die ‘Semiramis des Nordens’ genannt wird? Aber, oh Königin, mein Geleitsmann spricht nicht so laut und vernehmlich zu den Gekrönten als vielmehr sanft und bittend zu denen, die warmen, mitleidsvollen Herzens sind, und besonders zu euch, ihr milden, erbarmenden Frauen. Schau her, du kennst ihn.«

Ein rascher Griff in den Teppich, die Hülle fiel. War es ein Ausruf des Staunens oder des gottseligen Entzückens, der den beiden Überraschten das Herz sprengte? Vor ihnen, in einen geschnitzten Spitzbogen eingefaßt, milde aus einer üppigen Goldwand herausgewachsen, da hing der Erlöser an seinem Kreuz. Und unter der leicht geneigten Stirn suchten zwei tiefe schwarze Augen weit über die gemalten Zeugen, aber auch über die lebenden Beschauer hinweg ernst und dringend nach etwas Unauffindbarem! Die Augen wurden größer und öffneten sich immer weiter, je länger man ihre Frage aushielt. Rechts von dem Pfahl kniete eine Schar anbetender Mönche in faltenreichen, blaß leuchtenden Kutten. Jeder den Heiligenschein um das inbrünstige Haupt. Die göttliche Mutter kauerte vor dem Marterholz, sie hielt das Fußbrett umklammert und drückte ihre Lippen, unsägliches Leid verkündend, auf die blutigen Male. Auf der linken Seite trauerten die Jünger, angetan mit lichten blauen und roten Gewändern, und den Heiland selbst umschwebten in dem Goldhimmel kindliche Engelsgestalten, deren Leiber der Maler, um das Unirdische anzudeuten, von der Mitte an in Rauch und Wolken aufgelöst hatte. So aufreizend und betörend wirkte das Ganze, daß die Frauen ein haltloses Zittern befiel. Zum ersten Mal durchschlug jene nordischen Menschen das Wunder der Kunst, denn statt der gewohnten leblosen Gliederpuppen offenbarte sich ihnen Sterbliches und Göttliches, eingetaucht in die Qual und das Heilige des Alltags.

Und diese Erhabenheit spendete ein Seeräuber?

Die Königin wankte. Sie war leichenblaß geworden. Die mahnenden Augen hatten ihr Herz geöffnet, und in ihrem wallenden Blut brannte die Frage weiter, die der Menschensohn dort vom Kreuz in aller Einfalt an sie richtete: »Glaubst du mir wirklich?«

»Wer? – Wer hat das geschaffen?« stammelte die Regentin und warf, wie abwehrend, die Hände vor.