Aufmerksam stand der Admiral neben der Tafel. Auch ihn erregte das stürmische Drängen des Künstlers nach Wahrheit und Beseelung. Aber er war mit dem Eindruck zufrieden. Mit einer bezeichnenden Handbewegung erwiderte er:
»Du siehst, oh Königin, dies hat ein aufrührerischer Geist gebildet. Meister Giotto di Bondone zu Florenz, der sich auch nicht um altüberlieferte Satzungen scherte, sondern das Stückwerk und die Stümperei aller menschlichen Dinge kannte. Wo schaust du hier selige Verheißung? Verheißen ist uns allein Qual und Selbstbefreiung. Dort nur winkt unsere Auferstehung, Königin.«
Und erkennend, daß er bei der großen Bestürzung, die er erregte, noch mehr wagen könne, setzte er mit bewußter Grausamkeit hinzu:
»Du sollst wissen, ich selbst nahm dieses Bild aus einem sienesischen Kirchlein, das mir das dankbare italische Landvolk öffnete.«
Langsam ließ Margareta bei diesem Geständnis ihre Hand sinken. Sie starrte den kühnen Sprecher an. Alles um sie herum war ihr verwirrt. Plötzlich jedoch überraschte sie die Scham, weil ihr Niederbruch auch von einem anderen Weibe erlebt würde. Und von diesen widerspruchsvollen Empfindungen bestürmt, kehrte sie sich heftig gegen ihre Begleiterin. Verdeckt und erzürnt klang, was sie vorbrachte.
»Was ist das? Seid Ihr noch da, Gräfin? Wir danken Euch. Aber nunmehr bedürfen wir Eures Beistandes nicht länger. Ihr seid beurlaubt.« Und mit einer höfischen Handbewegung sprach sie die Entlassung aus.
Seltsam, in der stolzen Edelingstochter bäumte sich kein Widerspruch gegen die ungewohnte Behandlung. Ja, sie schien den Tadel kaum zu begreifen. Und doch – hinter der ruhigen weißen Stirn regte es sich um so wirbelnder, in den großen blauen Augen erfror ein offenes Grauen, denn das letzte, woran sich diese Einsame klammerte, drohte zusammenzustürzen. Wie? Ein Unseliger, Geächteter, tausendfach Gebrandmarkter bekannte hier frechen Tempelraub, und er stand doch in Gold und Seide gehüllt, übermütig und herrisch und dazu verwöhnt und gekost von den huldvollen Blicken einer Fürstin? Die wunderreinste Offenbarung wurde durch beschmutzte Hände gespendet, und zugleich das Tiefste und Ewigste der Lehre von grausamer Verachtung erschlagen? Die Verheißung wurde vom Himmel gezerrt, der letzte Trost aller Verlassenen? Nimmermehr – das durften aufrechte Bekenner nicht dulden. Aus der Bahn gerissen, jedoch noch bis zuletzt bestrebt, ihre gefaßte, ablehnende Haltung zu wahren, so schritt das frierende Geschöpf nach einer Verneigung dem Vorhang zu. Indes ihre Prüfung war noch nicht erschöpft, noch ärger sollte sie versucht werden. Ihr mußte es ein böser Blick angetan haben, denn unvermutet schlug es in sie ein, als ob die schwarzen, feurigen, ergründenden Götteraugen ganz in der Nähe auf ihr ruhten. Sie waren da, sie drängten sich an sie. Ihr weißes Gewand fühlte sich von ihnen durchbrochen, ihr Körper von ihnen angetastet, und jetzt, jetzt merkte es die Aufgestörte erst, der Mann in dem blauen Fürstenrock, der Seeräuber, der Gesetzesverächter, in ihm leuchteten jene heilig-unheiligen Erdensohnaugen nur schamlos und gemein auf sie nieder.
Da verkümmerte ihre Selbstbeherrschung, verwundet raffte sie ihre lange Gewandung an sich, brach durch den Vorhang und stand jenseits der Schwelle, sich selbst unbekannt und entfremdet. Geheime Vorsätze gewannen Macht über ihr Denken. Auch sie glich einem geraubten Heiligenbild. Der Vorhang zitterte in ihrer stützenden, entschlußlosen Hand.
»Jetzt sind wir allein,« sprach Margareta bedeutungsvoll, »und darum laß mich dein Geschenk verehren.«