Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in die Höhe gerichtet, und sein Bewußtsein gelangte allmählich zu größerer Klarheit. Bedauernd zuckte er die Achseln.

»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. »Unter meiner Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber Fürst Fergussow, der hier kommandiert,« fuhr er berechnend und immer mehr aufwachend fort, und ein heimtückischer Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst Fergussow von Petersburger Garde steht viel zu hoch und – wie sage ich – denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen Soldaten ein so harmloses Pläsier verwehren sollte.«

»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich ab. »Wie können Sie einem Aristokraten Ihres Landes Freude oder gar Duldung für ganz gewöhnliche Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«

Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand abwehrend durch die Luft.

»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über dasjenige herzufallen, was ihm in besseren Zeiten so oft den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn fressender Neid, jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte, daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen wisse, gerade vor diesen beiden prangenden Geschöpfen herunterzureißen und zu besudeln. »Setzen sich, schöne Damen, – setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem freien Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, der Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen sich,« schrie er ungeduldig, als er sie zögern sah.

Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem Toben zu reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, da sprach der Leidende in gieriger Verkleinerungssucht weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer Haß. Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust gegen das goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem er wußte, daß er selbst für ihn immer nur ein freigelassener Leibeigener geblieben sei.

»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von seinen Lippen, und vernehmlich redete sein brennendes Fieber mit: »wie wenig reiche Hofherren sich um ihre Untergebenen kümmern. Wir existieren gar nicht für sie. Wir sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder wieder wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. Glauben mir, ich sage Ihnen, um Sie vor dieser glatten Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich lächerlicher Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon eine Anzahl von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, verstehen Sie? Ich bitte um Vergebung, ist sehr häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein in der Brust. Wie könnte er sonst leben, wie könnte er ruhig schlafen? Ist ein Mörder, glauben Sie mir, ein Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber an seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, den ich gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«

Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.

»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. »Mich gehen die Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«

»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er fürchte, der heimlich gehaßte Kamerad könnte ihm auch jetzt wieder entwischen, »Sie wissen nicht. Aber ist schändlich, schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt noch heute kleine Kroniatowska.«