»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, Marianne?«

Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, eine fremde Gewalt hier im Hause herrschte, da schien es ihr Vergnügen zu bereiten, sich dem Willen der älteren Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer spöttischen und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, die ihr so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne ihre lässige Stellung aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:

»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte unseren Gast ein paarmal laut rufen, und da meinte ich – –«

Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.

»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre strengen Augen wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des Mannes, der ihr schönes blaues Samtsofa so unbarmherzig zerdrückte.

Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister erstaunt und weltenfremd seine blauen Augen auf, die er für einen Moment kraftlos geschlossen. Unwillkürlich stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf das Polster der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in seiner jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu einem ruckartigen Vorstrecken des zerzausten Hauptes, um gleich darauf in ein nur schwer verhehltes Stöhnen auszubrechen.

»Bon jour, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, »hoffe, daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich geruht, ganz vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen Hand auf die nackte Brust, so daß es ein merkwürdiges fleischiges Geräusch verursachte. »Pompöses Quartier,« fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos seinen Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen bemühen sich um unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte er und dehnte sich von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt – Arzt schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um Kleinigkeit – versichere Sie, um absolute Bagatelle – aber man möchte sich doch möglichst bald wieder an lustigem Herumstreifen beteiligen.«

Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und während sie sich über ihr welliges Haar strich, da äußerte sie recht warm und bedauernd, als ob ihr das Leiden des fremden Reiters besonders nahe ging:

»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr Wachtmeister bereits gemeldet, daß Herr Doktor Küster, unser Landarzt, leider nicht mehr aufzufinden wäre.« Und unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre Schwester zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors soll vollständig herabgebrannt sein.«

»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an der Tür noch immer nicht aufgegeben hatte, sich vergessend hervor, und ihre Fäuste ballten sich. »Herr Rittmeister, haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche Schandtat verantworten?«