»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. »Nemzows alle hin« – er schlug mit dem Kolben auf die Erde, schloß die Augen und streckte die Zunge heraus – »spitze Mützen viel zu wenig – viel zu wenig.«
Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich auf. Nun wußte sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen vor ihren Fensterscheiben gesummt hatten. Eine kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte, die widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der Übermacht, der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, der elegante Liebling der Petersburger Salons, der Träger der letzten und überfeinertsten Kultur, hatte es sicherlich nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb Wehrlosen zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr zerstampftes Weizenfeld reiten mochte, unter dessen Halmen die verstummten Landsleute sich zum letzten Schlafe verkrochen hatten.
Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die Nachdenkende. Und mit einer entschiedenen Bewegung wandte sie sich zur Tür, als ob sie den Infanteristen, dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. Indessen der Russe bewegte wiederum bedauernd sein plumpes Haupt, knickte zusammen und streckte in seiner kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.
»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, »sehen Sie nicht, daß ich auf meinen Hof hinaus will?«
Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. »Nix,« suchte er zu erklären, »keiner heraus.«
Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen der Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt sie ohne ein weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des kleinen Salons, den sie am verflossenen Abend für den Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an das dunkle Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes immer gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«
Was war das?
Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte sie den entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das war doch nicht möglich?! Wie konnte das unbesonnene Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der Ältesten den verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und zwar zu einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und Phlegmatische noch lange der Ruhe zu pflegen gewohnt war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis dahin als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der Fremden über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, was in einer deutschen Wirtschaft unverrückbar feststand, nichts Solides und Sicheres, dem man sich williger beugte und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der Hereingeschneiten?
Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß war die Gewalt ihres Armes, daß das zurückfallende Holz einen schneidenden Luftzug verursachte, vor dem der Verwundete auf dem Sofa gestört das bärtige Gesicht verzog. Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten Rittmeisters verwandelt. Die glänzende Rundung seiner Wangen dunkelte hohl und eingefallen, unter der aufgerissenen Uniform hob sich die entblößte Brust schwer und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte die innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die großen blauen Augen blitzten noch ebenso wild und unstet, wie am Abend zuvor.
Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel zurückgelehnt, schlug Marianne ihre Füße gefällig übereinander und schien eben aus einer jener leichten Plaudereien aufgestört, die sie so heiter und zugleich so inhaltslos zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas jedoch verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb geschlossenen Augen die Frau des Verwalters Baumgartner sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl sie sich vor Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen zu halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende lag ein empörender Unterschied in dem völligen Zerfall dieser beiden arbeitenden und geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten Behaglichkeit ihrer eigenen Schwester. Jedoch die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen Weise an: