Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte sich und wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine Lippen auf die festen Gelenke drücken. Allein mitten in der Bewegung befiel ihn ein Zaudern und Schwanken. Zu ernst und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab, die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte scherzen, er gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu stellen, doch vor diesem großen und wahrhaften Geschöpf fiel ihm durchaus nichts Leichtes und Gewandtes ein. Sehr fatal – fast schmerzlich verzog er den Mund, als er sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen ihm rätselhaften Kultur gefangen und verpflichtet sah. Und nur mühsam preßte er zwischen den Zähnen hervor:
»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung nehmen, wenn ich mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen verleiten lasse, die der Dienst sonst streng verwehrt. Also kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge gewesen, wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes oder des Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen einen unserer Offiziere hinreißen ließ.«
»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer atmend dazwischen.
Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen sich mit meinen Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch hinzu, da das kleine Fräulein nach meiner Meinung wahrscheinlich nur die Ursache des Streites war, so dürfte man sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«
»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus ihrem geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile sofort wahrzunehmen, »würden Sie sich in dieser Richtung selbst für Isa verwenden?«
»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan –«
Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem ersten Waffengang selbst in einem so sprühenden Rausch befand, er stand dicht vor der Bittenden, und in seinem sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht beherrschte, zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen zu lassen, das Mißfallen an der so plump und klar vorgetragenen Bitte, und daneben doch die heimliche Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die majestätische Göttin auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein helles jugendliches Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt, hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe Aristokrat, der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den pikanten Rotkopf an hoher Stelle ein erlösendes Wort einlegen! Wie man das dort wohl auffassen würde? Sehr eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter dem Tisch fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, rief er zu der über den plötzlichen Wechsel Fassungslosen herüber:
»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht auszurichten? Rien du tout! Es geschieht also auf Ihre Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich werde mein eigenes Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter gehalten werde.«
Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit zu Zeit warf er von der Seite einen schalkhaften Blick der blonden Nemza zu. Wie warm und ehrlich sie sprechen konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung hervorbrachte:
»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«