»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre zum Beispiel für einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders dankbar. Und wenn ich hoffen dürfte, daß die beiden Damen später beim Diner meine etwas« – er zeigte auf seine toll übereinander geworfenen Monturstücke – »meine etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber ein ungemessenes Vergnügen empfinden. Natürlich,« setzte er hinzu und verbeugte sich höflich, »soll dies nur geschehen, sobald es sich ohne Überwindung bewerkstelligen läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger Energie verlangte Dokument ist fertig. Voilà!«
»Mein lieber Oberst Geschow!
Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der die erste Stadt unserer Gegner – zu dem Worte ›Feinde‹ vermag ich mich aus Geschmacksrücksichten immer noch nicht aufzuschwingen – so überraschend in Ihre Hand spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie ferner! Auch wir haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst still gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches und Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein wild gewordener Schulmeister kämpft gegen uns. Das Einmaleins schlägt gegen den Analphabeten. Für mich eine sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen ja, ich bin auch als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern dem allgemeinen Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch das bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.
Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, tadeln Sie mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, das mich antreibt, mitten im männermordenden Streite eine Bitte für eine Dame auszusprechen. Es handelt sich um das rothaarige Fräulein, das man, wie auch Ihnen wohl bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul Bark festnahm. Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas Ernsthaftes gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann. Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen blonden Walküre, hier draußen im Quartier liege, so würde es für mein Wohlbefinden und meine Verpflegung, die Ihnen als einem Organisator des Sieges sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald wieder laufen ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend etwas beitragen, so würde dies meine freundschaftliche Bewunderung für Sie, wenn es möglich ist, noch erhöhen. Wenn nicht, – mon dieu, dann werde ich der verminderten Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin Richard Wagners unsere durch alle Welt so berühmte slawische Genügsamkeit entgegensetzen.
Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher Freundschaft verbundener
Dimitri Sergewitsch Fergussow.«
Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war, um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich um eine strahlende Siegesfeier handele.