Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?

Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde. Und die Gutsbesitzerin erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu verleihen suchten.

Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden. Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar, und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs übersehen: an ihrem Tisch saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war. Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß, mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich nicht lohne anzukämpfen.

Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern spritzten kleine züngelnde Flammen hervor.

Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten denken!? Und mit Grauen stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein ›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier mußte sie Halt gebieten.

Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen Art vor ihr zu verneigen.

»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht ausschließen.«

Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief, bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas Unwillkommenes von sich abzustreifen schien.

»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht, »ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.« Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich danke Ihnen.«

Zweites Buch.