I.
Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel empor, auf dem er die lange finstere Nacht verhockt hatte. Ungläubig ließ er seinen Blick über die vielen Menschen dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter Geruchssinn empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere Luft, die bereits in Fäulnis übergegangen zu sein schien. An allen Gliedern zerschlagen, richtete sich der Großkaufmann auf, strich sich mit den Händen sein braunes Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen Morgen nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit wohlriechenden Bürsten geglättet wurde, und gewöhnt, auch den widrigsten Umständen eine besonnene und überlegte Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine Müdigkeit gewaltsam ab und drängte sich durch die auf dem blanken Erdboden herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle, eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu donnern begann.
»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der fette Tischler Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die ihm der gestrige Nachmittag eingetragen, und zugleich hob der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel in die Höhe, um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen Herr Konsul Bark, – Sie entschuldigen wohl, wenn ich als einfacher Mann – aber die dort draußen, die verfluchten Breitmützen, sie könnten uns einen solchen Spektakel übelnehmen.«
Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler Kowalt mit seiner rot und schwarz karierten Weste auf und schwenkte über den Häuptern der anderen wütend einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner Verhaftung merkwürdigerweise gelassen.
»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen Augen auf, »alles mit Ordnung – Unsinn – bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens Kaffee oder Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich nicht recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«
Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung seiner Gefährten nicht im geringsten, er hörte sie wohl gar nicht, sondern hämmerte mit rücksichtsloser Wut weiter.
Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen der Erleichterung folgte. Draußen auf dem halbfinsteren Korridor stand ein untersetzter Kosak, eine schmutzige Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls eben erst seiner Nachtruhe auf den Steinfliesen entrissen zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken zeichneten sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.
Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß der Kriegsknecht ihm unbedingten Gehorsam schulde.
»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm diese Karte und bringen Sie mir ohne Aufenthalt Nachricht.« Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend vor den Wächter auf die roten Ziegel.
Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls und der Bewunderung ging durch ihre gedrückten Reihen. Ja, das war die richtige Art, mit diesen Halbwilden Geschäfte abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn man bloß so in die Tasche zu langen brauchte – fein, fein! Ein großer Herr!