Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge all dieses Trübsals kurze schlagkräftige Bemerkungen in seinen winzigen goldenen Notizblock. Immer heißer und stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, und die Unruhe, ob sie Gehör und Gerechtigkeit bei den fremden Gewalthabern finden würden, zehrte an ihnen, wie ein gefräßiges Tier.

Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche Hoffnung. Stunde auf Stunde verging, und aus den Schlägen der Kirchturmuhr von St. Sebaldus, die als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den Eingekerkerten sich hineinschwangen, erkannten die aus dem lebendigen Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.

Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag angebrochen sein.

»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie nicht reizen!«

»Unsinn, – wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, dann stoß ich die Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«

»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so schreien? Ich sag' Ihnen, mich haben sie gestern schon mit ihren Knuten geprügelt, und meine arme Frau hat – –«

Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten Kehlen durcheinander, als wollten sie sich selbst den schwachen Trost gönnen, daß sie noch nicht erstorben seien. Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all diese kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig über das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, den ihm die anderen aus altgewohnter Ehrfurcht willig überlassen, starrte über die schweißnassen Häupter der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein, und manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der schmutzigen, spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre und auf dieser belichteten Stelle sich selbst und das rote Mädchen und die verdämmerten Mosaikgestalten der Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das eigentlich sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem Schreibtisch sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus den halbzerbrochenen goldenen Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen eine hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister Sassin befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, und ein heftiges Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren die Eindringlinge in das fest verschlossene Haus hineingelangt? Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte sich sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem offenbar trunkenen Zustande den Arm um die Taille des zitternden Mädchens zu schlingen? Bei Gott, er hob die Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und Bildern des Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er umher, als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. Dann ein Knall, und ein grauer Flor umschleierte wieder die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie in ihren Nebel zurückkehren? – Wie war denn das alles?


Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste deutsche Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, ob überhaupt eine ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig suchte man nach beruhigenden Gründen, warum die preußische Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem Ordnungssinn daran fest, daß an eine kriegerische Austragung vorläufig gar nicht zu denken wäre, weil ja über die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen Zaren gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen Speicher, die Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben räumen und ohne Aufsicht lassen sollte, da tauchte eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und Dämmerung der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit den goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach seines Gebieters auf und zupfte hastig an den weißen Kopfkissen.

»Herr Konsuhl, – verzeihen Sie – wachen Sie auf – auf den Chausseen vor der Stadt streift russische Kavallerie herum.«