Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn etwas wie ein Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender Frost. Es war doch gut, daß der alte Mann an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen Schreibtisch und drückte auf den elektrischen Knopf. Die Klingel ließ ihr feines Rasseln ertönen. Doppelt schrill klang es in dem verlassenen Haus. Allein der Geforderte ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen? Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener und zäher Patron war, diesmal wirklich so aus der Fassung gebracht worden sein, daß er sogar den Wunsch seines Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? Von einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der Herr des Goldenen Bechers die kleine Blechlaterne, um sich über das merkwürdige Fernbleiben seines Verwalters auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die altertümlichen Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, geschmeidig, mit unhörbaren Schritten, über Treppen und schmale Altane, und nichts Lebendiges fand er, als seinen eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß voraufeilte. So gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche befand. Die Tür stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig streckte der Konsul die Laterne in den verlassenen Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen Züge einen immer herberen und kühleren Ausdruck an. Deutlich offenbarte ihm sein geschäftlicher, von allen Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn, mit dem Verhalten seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen erfüllte ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens für die Sicherheit des Hauses gesorgt hatte? In ein paar kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite knarrende Holztreppe in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte Einfahrt hinaus, um sich von dem Verschluß der mächtigen Eisentür zu überzeugen. Im ungewissen Schein der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen Eisenquerbäume ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten Kopf aus einer frühen Zeit der Technik fand seine fühlende Hand fest im Schloß. Beruhigt atmete er auf. Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben, die sich wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen, stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des neuen Tages. Schwalben schossen dort draußen zirpend durch die Luft, und ganz von fern meldete sich ein eigentümliches Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen hätten. Der Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie vor das rauchende Licht: ein Viertel auf drei. Wer konnte zu dieser frühen Stunde eiserne Gerätschaften in die Stadt transportieren? Oder sollte sich die Meldung von Pawlowitsch im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat etwas, was er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte träumen lassen. Er legte das Ohr an die kalte Platte der Tür und lauschte angestrengt auf das nervenerregende Geräusch, das sich dort draußen in der Weite immer mehr verstärkte.

Da – was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über den Markt, das gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden verkündete sich und brach wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar vor seiner Tür schien ein Wagen zu halten. Gleich darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von einer schwächlichen Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann nahm er sich zusammen und rief mit seinem gemütskalten Ton:

»Heda, wer ist dort draußen?«

Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, als die wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken durch das Schlüsselloch hindurchflüsterte:

»Herr Konsul – ich bin es – Isa – schnell machen Sie auf, ich bin in großer Gefahr.«

In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, ächzend schiebt sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, und im Dämmergrauen des Morgens wirft sich ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.

Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein Unwetter davon.

»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie kommst du hierher?«

Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle Erziehung und Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen nur das schutzbedürftige Kind, dessen fröhliches Heranwachsen er wie ein Vater beobachten durfte. Jetzt klammert sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren, befremdlichen Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf die nahe Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der Kaufmann nicht länger. Mit der Rechten wirft er auf einen Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne weitere Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, in das Refektorium.

Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten bewegen sich und schütteln die Häupter, und die blauen Holzaugen des Himmelspförtners wetterleuchten im Glanz, als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann seine Last in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz sacht und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu denken, den Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. Dann zieht der Herr des Goldenen Bechers für sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich so, daß er dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. Geduldig wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die dichten Wimpern heben. Kaum aber trifft ihn der erste Blick aus diesen klugen frühreifen Augen, da besinnt sich Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis, das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding waltet, er entreißt sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich vor und klopft ihr wohlwollend, herablassend die weiche Wange.