Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen geben, als die unverhüllte Sorge um Leben und Wohlergehen, und urplötzlich fliegt ein helles, huschendes Rot über ihr verstörtes Gesicht.

Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem steifen Regenmantel:

»Herr Konsul Bark.«

Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten in der langsam vorüberkriechenden Nacht so frisch und lebenshell, daß der Geschäftsmann unvermutet den ihn umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz verwundert an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche Fortbleiben seines Verwalters, an das leere verschlossene Haus voller Vorräte, und an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mädchen, das er irgendwie behüten muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel dazu fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer rasselnden Eisenladung immer näher. Und als er jetzt seinen Blick umherschweifen läßt, als er innen hinter den vergitterten Fenstern die fest geschlossenen Holzläden prüft, und indem er erwägt, wie lange die halb herabgebrannten Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser schlimmen, eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches Mädchen steht, mit dem er sich allein in einem festungsähnlich verbarrikadierten Hause befindet. Es ist zwar lächerlich, jetzt über derartiges nachzudenken, aber in dem bangen Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, wenn der Zug donnernd vorüberbraust. Nein, er muß sich auf etwas Wirkliches, auf etwas Vorhandenes beschränken. Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, wie ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da unterdrückt er gewaltsam eine ihn umspinnende Schlaffheit, die wohl von der Aufregung und der unterbrochenen Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert und sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne Hirn. Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. In dem biegsamen Körper, der wie eine Stahlklinge jedem Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die Überlegung aufgetaucht von Einhalten und Schonung und herannahendem Alter. Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch einmal entschlossen auf den elektrischen Knopf zu drücken, in der Hoffnung, sein Hausmeister könnte sich vielleicht doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl ihm ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf mit den rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung und Not findet er es dumm und verächtlich, solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist eben ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum zu kümmern, das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte Geschäftshaus, an dem seine ganze Existenz hängt, zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern zum Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald herrschen soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. Tee und Wein, Kaffee und Zucker, Reis, Tabak, Schokolade und ungeheure Mengen lockender Konserven. Wenn seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem ehemaligen Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon nicht mehr Keller, sondern unterirdische Gänge nennen kann. Dort muß ein großer Teil der Vorräte verborgen werden.

Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt und der Prinzipal merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang vergeblich läutet. Pawlowitsch bleibt verschwunden, aber der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet sich immer ungestümer.

Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft wendet er sich an seinen Gast und fragt so dringend und kurz, wie er seine Angestellten anzureden gewohnt ist:

»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie Kaffee kochen?«

»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, Herr Konsul Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«

Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären versucht, und unmittelbar darauf huscht die Kleine schon, die Laterne in der Hand, über Treppen und wurmstichige Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre Tritte auf den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft um die vorspringenden Mauerecken herumstreicht, und vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener Schatten an den Wänden hin und her hüpft! Und doch – das ängstliche Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich gewiesen. Was würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch benähme. Nein, weiter, weiter, trotz Grauen und häufigem bangen Zurückschauen.

»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er den Rotkopf auf einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich irdene Kanne, umgeben von ein paar eilig zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo haben Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das tut nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding hier sehr vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein wenig herab und schnuppert herum. »Also wirklich ein großartiges Aroma! – Tischzeug? Nein, mein Kind, das vermag ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen Sie auf, der Trank wird uns auch so munden. Es ist eben Belagerungskaffee.«