Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht von neuem. Er wollte eigentlich so etwas erwidern, wie: »es wäre auch für mich zuviel der Ehre gewesen,« aber die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der Kleinen die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust sofort wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb keine Zeit, denn inzwischen hatten die Geiseln unter der Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters auf den gegenüberliegenden Bänken Platz genommen, ein Korb mit Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen verladen, und nachdem als letzter Unterleutnant von Karström das Gefährt bestiegen, da drohte der Soldat, der die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien und wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen Transport von Anfang an umlagert hatte.

»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben sich auch die Frauen und Verwandten der Senatoren eingefunden. Pfui, sie weinen und schreien. Ich möchte mir die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, um die das Abendrot seinen glühenden Mantel schlang.

Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen Stößen ging es über den Marktplatz. Aber gerade, als sie in die Hauptverkehrsader der Stadt einlenkten, wo der Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit einem ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus, sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der Kirche mit ihren grün-schwarzen Dächern zu umfangen, da bemerkte Isa befremdet, wie der Gefährte neben ihr plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er sich nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte aus, wie jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte Gestalt emporsteigt. Nur eine Sekunde. Dann schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse herum, und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen Mauern.

»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht länger zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang teilnehmend und eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«

Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die verzogene Stirn und das Nagen an der Unterlippe verrieten noch eine nicht überwundene innere Bedrängnis. Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.

»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit angenommener Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser Bekannter fiel mir auf, nichts weiter.«

Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das Mädchen sofort durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul beugte sich herab und sah angelegentlich auf die Strohhaufen zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf den gelben Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so außer Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und doch grell und farbig zurück. Eine rote Ziegelnische der Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus, und hinter einer schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam ein weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung erkannte der Herr des »Goldenen Becher« ganz deutlich dieses stechende, schwarze Augenpaar, das sich sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht zu haben glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß über das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung damit fortwischen. Allein seine ausschwärmenden Gedanken ließen sich weder binden noch fesseln. War der Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der Kammerdiener Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem Grund hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der Gefahr aus dem Hause entfernt, um es nicht wieder zu betreten? Und weshalb suchte er sich auch jetzt zu verbergen? Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen ihren Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen hatten? Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ seinen forschenden Blick eine kurze Weile auf den plumpen unintelligenten Gesichtern der drei Wächter auf dem Rücksitz ruhen.

Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber welche Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete Persönlichkeit wie Pawlowitsch bieten? Oder sollte die Bestechung und Unterwühlung der unteren Volksschichten hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden sein?

Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von den nahen Landseen strich mit plötzlicher Kälte über die Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit glitt Isas Hand an seinen Arm entlang.

»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.