»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, und ohne seinen gesenkten Blick von den herumliegenden Akten abzulenken, sprach er mit mehr innerer Bewegung als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine Herren. Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner Maßnahmen einsehen, und ich wünsche, wir könnten uns alle als zufriedene Untertanen des Zaren und als Bürger eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«
Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit zwei langen Sitzbrettern versehen, das war die würdige Equipage, die man für die als Geiseln bestimmten Magistratsherren ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten Kutscher, als auch auf dem letzten quergestellten Sitzbrett hockten ein paar Infanteristen mit aufgepflanztem Bajonett.
»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« forderte der junge Balte auf, der als Führer des Transportes zu dienen schien; und mit einem gefälligen Lächeln wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen Dame zu sitzen? Ich habe nichts dagegen.«
Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, dort am Ende des Wagens, direkt vor der Wachmannschaft, da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel, und der schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales Haupt, als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. Als sie ihres Freundes ansichtig wurde, da warf sie sich herum, musterte ihn von Kopf bis zu den Füßen und winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz zeigte sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, ja, sie lächelte sogar, da der Kaufmann nun auf die Deichsel sprang, um dann über das raschelnde Stroh bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, die darauf schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde Ding sich bereits an Gefangenschaft, Druck und Gefahr gewöhnt habe.
Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark unwillkürlich, als er sich mit einem herzlichen Händedruck neben dem Mädchen niederließ und nun gewahrte, wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen seine Kopfbedeckung ausstreckte.
»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie zu diesem fürchterlich fettigen Schmalztopf?«
Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei russischen Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken begleitet wurde. Allein der Konsul ging auf den Scherz nicht ein.
»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, »sind Sie heil und gesund? Und hat man Sie ordentlich verpflegt, mein Kind?«
»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste Befangenheit setzte sie hinzu: »Denken Sie sich, man hat mich sogar in Ihr Bett stecken wollen, ich habe es aber höflich dankend abgelehnt.«