Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. Rudolf Bark jedoch verbeugte sich leicht. Er atmete auf. Also Isa in verhältnismäßiger Sicherheit!

Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und begann wieder klirrend auf der Plattform auf und nieder zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu Zeit unter seinen grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an dem dem Kommandanten augenscheinlich so viel gelegen war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll Akten, Listen und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben, sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.

»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« warf er gereizt hin.

»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.

Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte sich ganz dicht neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er an seinem starren grauen Schnurrbart.

»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man sah es ihm an, wie sehr er diese Amtshandlung verwünschte. »Ich mache kein Hehl daraus, verehrter Herr, mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei oder mit Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist es nicht schändlich,« fuhr er grimmig auf und stampfte mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm gewordene Behörde zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie vielleicht, Ihre Leute würden anders handeln? Es mag ja möglich sein, daß für Sie gewisse Milderungsgründe in Betracht kommen – ich gebe es zu,« schrie er empört und schlug mit der Faust durch die Luft – »aber sacré nom de dieu, das alles erspart Ihnen keineswegs das Kriegsgericht. Es tut mir leid, Herr Konsul, Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl auch über die Folgen klar.«

»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.

Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem an seinem Bart, bis er endlich, knurrend und fluchend, die drei grünen Stufen abermals hinaufstieg. Kaum aber war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug er mit der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig zurück. Im nächsten Moment ließ er sich in einen der Magistratssessel sinken, schlug die Arme untereinander und sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.

»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« preßte er sich zum Schluß ab. »Das einzige, was ich in diesem besonderen Falle tun konnte, das ist bereits erledigt. Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt, daß Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine stumme Frage in den Augen des Konsuls wahrzunehmen glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise fort: »Sie haben dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was bei der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.« Damit hob er den Arm und revidierte die kleine Armbanduhr auf seinem Handgelenk. »Es ist jetzt ein Viertel nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für die Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den jungen Unterleutnant.

Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus und meldete darauf, daß das Gefährt schon vor dem Tor des Rathauses hielte.