»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant von Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.

Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es Rudolf Bark noch durch den Sinn.

Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, über den gut sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite des jungen Balten in den Saal. Gemessen verbeugte er sich, dann blickte er sich um.

In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum zogen sich an beiden Längsseiten, hintereinander ansteigend, die Schranken der Stadtverordneten hin. Das Kopfende der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats eingenommen, zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch überspannte Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen auf den Bänken der Stadtverordneten, von einem Pikett russischer Feldgendarmen bewacht, der weißbärtige erste Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der angesehensten Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über eine mit dem Kommandanten soeben geführte Unterhaltung aus den müden, übernächtigten Gesichtern abzulesen war. Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an Stelle der Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes in seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten Händen sporenklirrend auf der grünen Plattform des Magistrats auf und ab, hatte die Stirn gerunzelt und zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel, als wenn es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung wieder zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche Gestalt mit schlichtem, graugescheiteltem Haar. Und trotz der ihm von seinem Amte auferlegten Kürze, ließen die klugen, hellen Augen doch ahnen, daß er die unglückliche Lage dieser Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte sich der Kommandant rasch herum, und in demselben Moment durchzuckte den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. Es war Oberst Geschow, derselbe Offizier, dessen noble Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem Ausflug über die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte die Fäuste in die Hüften und rief mit kräftiger Stimme herunter:

»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten? Mille tonnères, sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie sich nicht allein selbst, sondern die ganze Bürgerschaft durch Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt haben? –«

»Herr Oberst – –«

»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein bemerken, daß es für Ihre Handlungsweise keinerlei Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen erst sagen, was es auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von einem Zivilisten angefallen wird?«

»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: Ist für die junge Dame, die sich gestern abend in meinem Hause befand, gesorgt worden? Und darf ich hoffen, daß sie als Augenzeugin vernommen wird?«

Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, sondern beugte sich vielmehr noch etwas weiter nach vorn. Aber die erste Erkundigung seines Gefangenen schien ihn nicht unangenehm zu berühren.

»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den Kaufmann an. »Ihre Landsleute werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns nicht als Halbwilde zu betrachten. Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet war, habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation begeben. Die junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, hat mir an Ort und Stelle ihre Angaben gemacht, und sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung, und zwar unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief der untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf den Holzbänken herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte und Anstand zu erhalten, keineswegs fehlt.«