Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem Stuhl einen handfesten Strick genommen, mit dem er sich nun dem Konsul geschäftig näherte.

»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich zusammenschrak.

Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. Da warf der junge Offizier wie beschwörend die Rechte vor.

»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort in meiner Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. Auf der Stelle wirfst du den Strick fort.« Und sich zu dem gelassen dastehenden Rudolf Bark wendend, versuchte der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen. »Bitte vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit mit einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung eines halbdeutschen Adelshauses verriet, »das war keineswegs beabsichtigt.« Und indem er mit dem Haupte auf den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf er noch eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen Steppen. Die Leute haben dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, die von der unsrigen erheblich abweicht. Sie sollten daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein Herr.«

»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem kaum merklichen Lächeln.

Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter und befanden sich bald in einer der nüchternen Gassen der Vorstadt. Aber wie hatte sich das Gepräge dieses sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte dem Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft brütete, einen Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung feststellte. Obwohl noch lange nicht die Stunde des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen war, hatten die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und Lattenverschläge vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen selbst schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. Kein bekanntes Gesicht wollte sich zeigen. Dafür wimmelte jedoch die fremde Soldateska gleich einem schwarzen Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen singend von den Landstraßen aus herein, und man sah es den befriedigten Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung dieser ehemaligen Festung, die längst ihre Bedeutung verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit Munitions- und Artilleriekolonnen, und von dem Klirren der schweren Geschütze auf dem schlechten Pflaster bebten die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch andere Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren Ladung, obwohl die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, durchaus nicht dem kriegerischen Bedürfnis entsprach und deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark hervorrief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann plötzlich in seinem Weg inne und wies mit der Hand auf einen mächtigen Leiterwagen, auf dem die tollsten Dinge widerspruchsvoll übereinander gepackt waren. Seidene Möbel, eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor, ungeheure Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, Mehlsäcke, ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die Leiterbäume gepreßt, und die drei kutschierenden Soldaten beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem Bock die Keule eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken Zähnen zu benagen und zu zerreißen.

»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen Bechers« beinahe der Sprache beraubt, hervor.

Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot waren seine blassen Wangen übergossen, und in seiner Scham und Bestürzung vermochte er nur fast bittend hervorzubringen:

»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, ich weiß nicht, was das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, wollen Sie mir rasch folgen, denn ich habe Sie bis um sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«

Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild entfernte er sich durch ein Seitengäßchen von der großen Fahrstraße, daß dem Konsul bereits der Gedanke an Flucht durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick auf das viele Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich aussichtslos sofort wieder verwerfen. So gelangten sie vor das Gebäude des Magistrats, das mit seinen mittelalterlichen, im Artus-Stil gehaltenen Lauben und Bogengängen fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. Vor dem Haupteingang schilderten zwei russische Infanteristen. Sie hatten ihre Uniformen der noch immer herrschenden Hitze wegen über der Brust aufgerissen und unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber das war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, das seit gestern über die Stadt dahingebraust war, so schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es war etwas anderes. Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die Stirn. Nein, er träumte nicht; – oben von der Krönung des Torbogens war das Wappenschild des preußischen Adlers herabgerissen und lag jetzt auf dem Fahrdamm in der Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte von Malen war Rudolf Bark achtlos an dem schwarzen Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn genau befragt hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen überhaupt eine derartige Verkörperung des Staates gethront habe. Jetzt aber, wo absichtliche Geringschätzung, wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung anderer das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es sich in seiner Brust zusammen, und etwas von jenem ihm bisher ganz fremden Haß wuchs atemraubend empor, von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der fortan über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, alles Licht überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen Augen schritt er unter der grün-weißen Fahne hindurch, die jetzt die Stelle des alten Wappens einnahm, und während er mit seinem jungen Führer die breiten, ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein zählender Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der Vernichtung angelangt sei. Was war da noch lange zu überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der ersten Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen bei ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. Möglicherweise war der Verwundete sogar schon seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er eben vor ein Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber gab sich der Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete ihn schon hier der fertige Spruch. Nun gut, da nahm er wenigstens die Genugtuung in das Unbetretene mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt zu haben. Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung überkam ihn, als er jetzt vor der bunten Glastür des Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte recht wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer Mann einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und er genoß ein seltsam prickelndes Wohlbehagen, als er sich vorstellte, wie der Rotkopf mit den leuchtenden Goldaugen später, viel später, wenn er längst unter einem Galgen vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt von ihrem Retter erzählen würde.