Lang' mir noch im Ohre lag
Jener Klang vom Hügel.«
II.
Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. Die russische Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen sich einzelner Grenzstädte und des dazu gehörigen schmalen Hinterlandes bemächtigt hatte, schlug nun planmäßig in breiter Woge über das Land und grub ein weites fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen Zusammenhang ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, sondern eine ganze Armee, deren Glieder eng miteinander verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch angetreten, und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter Folge fast alle Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem Durchzug bei sich einquartiert. In dem Herrenhause kampierte dann häufig die Generalität mit ihren Stäben. Elegante Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und deren anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den Krieg eingestellt waren. Sie tauchten in der Nacht auf, entfesselten ein tolles Gewimmel, Feldtelegraphen spielten und Flieger senkten sich herab, um am nächsten Morgen fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen Heerscharen aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit begnügten, an den Grenzen des aufgegebenen Landes eine dünne Kette gezogen zu haben, die elastisch zurückprallte, sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen fanden sich die metallenen Glieder wieder stets zusammen, und die dünne Kette hing noch immer störend und drohend vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die vermaledeite eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die Straße nach Berlin.
Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach vorn geschoben werden konnten, sondern gezwungen waren, sich an ihren zuerst eingenommenen Standorten gewissermaßen anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen ostpreußischen Gutshofe dem verwöhnten Kavalier manchmal langweilig und unerträglich deuchte, so gab es doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in dieser gut geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und da sogar zu fördern versuchte, als eine Gesundung und ein Erwachen erschien. Außerdem – selbst in diesem weltvergessenen Winkel fanden sich ja für ihn gewisse heimliche Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender Gestalt verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte er sie verschmähen oder herbeiwünschen.
Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem herbstlich reifen Lande leuchtete einer jener glashellen Tage, wie sie in solch stiller, lautloser Melancholie und Herbheit nur das östliche Grenzgebiet kennt. Alles Kriegerische war von dem weißen Gutshofe heute verweht und abgestreift. Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen pfiff, striegelte er dem Tier achtsam das glänzend braune Fell. In der Luft klang ein Summen vorüberschwärmender Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken zustrebten, und dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die sich irgendwo unter den vollen Kronen des anstoßenden Gartens verborgen hielten. Hinter dem allen aber tönte unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von den fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit besorgten.
Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten Friedens, der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem Studium eines Bandes Hebbelscher Dramen ablenkte, dem er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß an dem offenen Parterrefenster seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder Ironie und ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein für ihn, den einzigen Beschauer, gestellt würde. Mitten auf dem Hofe, gerade seinem Fenster gegenüber, war nämlich ein mächtiger blau und weiß gestrichener Balken eingerammt, und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer Plattform sich im Moment die schneeweißen Bewohner drängten und wieder vertrieben. Wahrlich, die geflügelte Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter ihnen, leicht an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von Weizenkörnern und Erbsen hin. Ein ewiges Flattern und Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt herum, und es bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus dem weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen auf der Schulter der blühenden Spenderin niederließ und es sogar duldete, daß sich das dunkle Haupt des Mädchens für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder schmiegte. Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter wagten sich zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig gebogenen Arm.
»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte Dimitri Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichwort erinnerte. Er lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und gab sich den Anschein, seine Lektüre eifrig weiter zu verfolgen. Allein die schwarzen Augen, die durch das Schneegewimmel hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem von den gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein verwünschtes Spiel,« fuhr es dem Gardeoffizier, der es doch gewohnt war, den ihm gereichten Becher auf den ersten Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll diese Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die dumme Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner Schritte mit ihren stahlharten blauen Augen belauert, nicht überwinden kann? Wie oft soll diese gefällige Hexe da drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche Philosophie und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich bescheiden und mutlos.«
Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte dem schönen Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte wieder, verzog die Lippen zu einem Lächeln und wandte das Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern, die ihre Einbildungskraft beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch verschämtes Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt und bloß dastehe‹. Und von diesem Gedanken entzündet, wurden die Augen des Obersten beredter und sprechender. Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und eine unverschämte Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres Zurückweichen kaum mehr duldet. Langsam stieg eine feine Röte über die dunklen Wangen der Abgewandten, und ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal verstohlen über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen die Blicke der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend aufeinander.
»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er äußerlich wieder seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal schützt dich deine Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht hinterher gleich ein Weltuntergang folgen. Nun, und wenn –« er zuckte leichtsinnig die Achseln – »wer hat uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze sieht so aus, als ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren verstünde. Nicht wahr, du heißes, trunkenes Geschöpf?« sprach es deutlich aus seinen Mienen.