Und Marianne schlug die Augen nieder.
Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude. Und kaum hatte der Russe die hohe Gestalt in dem blau und weiß gepunkteten Kleid erkannt, da versenkte er sich auffallend schnell in das von der Walküre entliehene Buch und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich hier entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem Disput auffing, der sich ganz in seiner Nähe zwischen den so verschiedenen Schwestern erhob. Mit ihrem festen gebieterischen Schritt hatte sich Johanna genähert. Ihre Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell angestrichenen Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre Glieder reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes Haupt zur Erde zu neigen.
»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie nach einer Weile ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich wartet eine Arbeit, die du besser verstehst. Ich habe dir in deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester Isa niedergelegt, für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den Fürsten Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich gewiß drängen, einen Gruß anzufügen. Mach schnell.«
»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne gereizt, »es wird noch Zeit haben.«
»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt, und während ihr angespannter Arm noch immer das Holz nicht freigab, sprühte aus den harten blauen Augen ein Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält, als« – sie warf den Kopf geringschätzig zur Seite.
»Nun, als –?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn auf.
»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die Ältere, unbekümmert darum, ob der fremde Offizier etwa ihre Meinung und ihre Absicht verstehen könne.
Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie entstellenden Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden Tauben, raffte ihr Kleid zusammen und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst in diesen Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich der ihr eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen sogar ein zweiter Beobachter, von dem die Enteilende in der Tat gar nichts ahnte, in eine dumpfe Verzweiflung versetzt wurde.
Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen Stockwerkes, hatte sich nämlich während dieser ganzen Zeit ein bärtiges Männergesicht abgezeichnet. Zuweilen war auch an dem durchbrochenen Tüll von einer Faust heftig gezerrt worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos zurückgeworfen, und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas. Dann bog der Kranke seine Arme nach rückwärts, um in aufspringender Wut auf dem schmerzenden Rücken herum zu hämmern.
»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und wankte matt durch die kleine Stube. »Unser großer Suworow hatte recht, die Kugel ist eine Närrin. Sie trifft immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt sich gegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden. Man muß ihn durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf sich auf das kleine Sofa, schleuderte Kissen und Decken mitten auf den Estrich, und aus seinen großen verzweifelten Kinderaugen perlten wirkliche Tränen.