Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri. Dieses harte und energische Pochen kannte Seine Durchlaucht allmählich. Es verursachte ihm stets einen leichten Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam, wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte, beständig eine Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu erhalten. Wenigstens so lange sie mit ihm in ihrer geschäftlichen, nüchternen Weise sprach. Sie hatte dann eine solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen, daß es dem gewandten Weltmanne schändlich dünkte, diese hausbackene Gradheit irgendwie zu anderen Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und grundgescheiten Deutschen doch wohl imstande seien, selbst einem erfahrenen Menschenkenner einige Rätsel aufzugeben. Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an das Praktische und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst ihm, dem überall herumschwärmenden Kunstliebhaber, wegen ihrer Tiefe und grausamen Unerbittlichkeit ein leichtes Frösteln einjagte?

Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal in seinem Leben ertappte sich der leichtfertige Held der Petersburger Boudoirs darauf, wie er ängstlich bemüht war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber diesem Weibe, das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte, zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daß in ihrer Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer Erscheinung ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den Träumen dieser heißen Augustnächte war es dem bedrückt Atmenden schon öfter vorgekommen, als habe ein entsetzliches Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der Germanin angehoben.

An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und Fürst Dimitri sprang auf und legte sorgsam sein Buch auf die aufgeschlagene Seite. Dann rief seine klangvolle Stimme: »Entrez

»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die hohe Gestalt seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte sich auf seinen Zügen jener sonnige Glanz, der dem ernsthaften Mädchen von Anfang an so unverständlich geblieben war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung verdanke ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist nichts geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen Ordnunghaltens verstößt?«

»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die einen kleinen Zettel hervorzog und dabei die auf einen Sessel deutende Handbewegung des Offiziers übersah. »Und in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.«

»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein. Ich denke, ich habe in meiner schwierigen Position nichts versäumt, was mir Ihr Vertrauen hätte erwerben können. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Oh danke, Herr Oberst.«

Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund.

»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,« sprach er rascher, denn es verletzte ihn, daß sich diese Nemza eine Verhandlung mit ihm nie ohne Anklagen denken zu können schien. »Welche Schandtaten haben wir wieder begangen?«

Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte ein Lächeln auf die Lippen Johannas zaubern – und der Fürst sah diesen strengen Mund sehr gern sanfter werden – aber die Erinnerung daran, wie das Treiben und Wirken der Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das verjagte die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über ihre Stirn legte sich eine leichte Falte. Und sie sah jetzt älter aus, wie bisher.