Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt hinter dem Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine der Laden aufzog. Das helle Sonnenlicht, das in breiter Bahn schräg durch die Seitenfenster hereinbrach, spielte auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle Goldringe auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte Johanna zu ihm herüber.

Da – da war es wieder! Die einfangende Erscheinung tauchte abermals auf. Das Bild aus ihrer Schlafkammer hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig werbende, bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß ihr alles andre für eine Weile entglitt. Erst als die schmale Hand des Aristokraten eine Reihe fremdartiger Kassenscheine aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille zu ziehen begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und ein Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu deuten vermochte, lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft des vornehmen Herrn auf. Was wünschte sie eigentlich? Es war doch so selbstverständlich, daß sie das Entgelt für ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung, die sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht. Eine tiefe Röte stieg in ihre Wangen, als sie mit sich kämpfend hervorstieß:

»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow – ich möchte mir Ihren Vorschlag erst noch überlegen. Er verpflichtet mich Ihnen gegenüber so eigenartig, ich kann mich in die neu geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie werden das begreifen.«

Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere Förmlichkeit zur Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber ein helles Lachen, das hinter ihr aufklang, hielt sie noch einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille achtlos auf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen Augen glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig hinter der Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben, sie nicht völlig entweichen zu lassen, griff er nach ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er sie berührte. Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche Beleidigung nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham, weil sie vor diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht finden konnte.

»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri, »was sind das für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr Landsmann Hebbel.« Er wies lachend nach dem Buch auf dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann werde ich natürlich den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren, und Sie können sich mit ihm in die geheimnisvollsten Rechnungen vertiefen.«

»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu.

»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht ebenfalls in den Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum zu liebäugeln, so gestatten Sie mir wohl, Ihnen Ihren tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er griff nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band mit einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige Affäre übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach er angeregt weiter, und im Moment überfiel ihn der seltsame Einfall, als ob diese große Nemza mit einem blinkenden Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren die Gurgel abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf kam ja gleichfalls etwa aus unseren Gegenden. Wenn man sich das so recht überlegt, sollte man sich vielleicht doch ein wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.«

Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam es aus ihr heraus: »Vor mir? Welchen Grund hätten Sie dazu? Wir beide haben doch nichts miteinander abzumachen.«

»Gott,« – Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit ein, mit dem starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen zu können. Die großen blauen Augen blieben einmal hart und empfindungslos. Offenbar vergaß sie nie, daß sie einem fremden, im Augenblick überfallenen und zurückgedrängten Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos gut daran, sie auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn zu lassen – »Gott,« zuckte der junge Mann bereits etwas abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun einmal, was man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹ nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich, wo ich mich übrigens sehr wohl befinde, und wenn man Sie so sieht, mein Fräulein, so groß, entschieden und voll nachdenklicher Energie –«

»Was dann?«