»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.
Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen, die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer Bereitwilligkeit auffing.
»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken? Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke, daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«
»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine derartige Raserei –«
»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach Dimitri Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden, die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,« suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.«
Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen, schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke aufgehängt waren.
»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart und fein Sie das getroffen haben.«
Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.
»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung an einem herrlichen Ferientag? So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?«
Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der Fürst an.