»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz, dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.

»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann über die kleine Brücke.«

Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr Schreitenden zu größerer Eile an.

Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter sein?

Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß – für heute wenigstens – all diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen.

Und das tat sie.

Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie und da bückte sie sich, um eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor. Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln.

Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern schon verurteilt waren.

Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.

So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie zu sehr, – trotz eigener Entfernung von der Kunst, – durch die Ehrfurcht vor allem Können beherrscht.